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Rotesand/Meier-Miller-Kaiser/Good, Bad n´ Ugly

“Rotesand” ist ein imposanter Backsteinleuchtturm aus dem Jahre 1885, der - ginge es nach der niedersächsischen Wasser- und Schifffahrtsdirektion - der Spitzhacke zum Opfer fallen soll. Einer, der dagegen ist, heißt George Meier…oder Mutlos? Schlapp? Deprimiert? Ausgelaugt? Wer kennst sie nicht, all diese Syndrome der 80er Jahre. Gerade richtig für 1984 gibt es dagegen jetzt eine passende Medizin: “Tu was“. Fang an, jeden Tag, heißt es in dem neuen Song von Rotesand, der nicht nur Balsam für eingesperrte Seelen ist, sondern auch direkt in die Beine.. etc. usw.

"Roter Sand", der erste, von Menschenhand gebaute Leuchtturm auf dem Meeresgrund

„Also, Jungs, wo eine Geschichte anfängt, und ob sie wahr ist oder nicht, das spielt keine Rolle“, sagte man den drei Neulingen bei der Phonogram in Hamburg, „wichtig dabei, dass sie spannend ist und in den Top Ten aufhört.“ Kluge Worte, wenn auch inzwischen jeder desorientierte Bundesbürger weiß, dass der Leuchtturm Roter Sand eine Stahlkonstruktion ist und nicht „Rotesand“ heißt. Immerhin nennt sich so aber der 1976 gebaute Schlepper mit seinen 28 Metern Länge, auf dem George Meier, Micky Kaiser und George B. Miller für einen TV Spot für Buten und Binnen (Bremer TV) Weser abwärts unterwegs sind. Es ist nur eine kurze Fahrt, dafür erheblich erfolgloser als der Soloritt Meiers mit „Wellenreiter“, einem gecoverten Wolfsmond Surf-Rocker.

Fangen wir vorne an.

 

Es beginnt, wie das Leben seine eigenen Geschichten schreibt, nicht wie sie erfunden werden, möglicherweise aber wie sie niemand hören will. Ein ziemlich desillusioniertes Wolfsmond-Mitglied steigt nach einem Jahr nicht gemeisterter Anforderungen wieder aus. Im Gepäck nur die Audio-Cassette, die er sich mit der ersten LP (Lu Lafayette´s Wolfsmond) bespielt hat, um die Songs zuhause proben zu können. Da er aber ein sparsam veranlagter Mensch ist, nutzt er eben diese Cassette, um sie mit seinem eigenen Material zu bespielen. Nach dem vierten Titel (nie zuviel verraten) beendet er seine Arbeit, legt das Band in eine Versandtasche und schickt sie an die Phonogram nach Hamburg. Leider ohne das Material nach seinen eigenen Songs zu löschen. Es hat sein Leben nicht verändert, wie diese Geschichte zeigen wird, aber das seiner Freunde und ehemaligen Kollegen.

 

Er denkt sich nichts dabei, zumal die Lieder, nach seinen eigenen, eh schon alle veröffentlicht sind. Der A&R Mann hört tatsächlich rein (ohne dass man ein verschicktes Band telefonisch bei der Firma avisiert hat, eine erwähnenswerte Seltenheit), schläft aber am Schreibtisch während der dritten Nummer ein. Oh nein, ganz gewiss nicht wegen mangelnder Qualität, eher durch fachkundiges Desinteresse. Da reißt es ihn plötzlich aus seinen Feierabendträumen mit einem 3-stimmigen "uhhh, Wellenreiter über dem Ozean...", und wie von der Tante Ella gestochen, nimmt er sofort Kontakt mit der im Begleitschreiben angebenen Telefonnummer auf: Bernd Suhr! Der holt ihn allerdings erst einmal wieder auf den Teppich. Nein, das sei nicht "der" Musiker. Es handle sich zum die Bremer Band Wolfsmond, und der Sänger hieße George Meier. Dem A&R scheint´s egal, und auch ob dieser Song bereits veröffentlicht ist oder nicht. Er hat sofort ein Remake (und dezente Sommerhit-Träume) im Schädel:´George Meier und die ehemaligen "Teens" aus Berlin, die als "300 SL" eine neue Karriere starten sollen.

Alles scheint auf Erfolg programmiert. Ein "Wellenreiter" auf dem Single Cover, verkleidet als knetgummiger Surfer vor den Gestaden Dorums, kommt tatsächlich in D.T.Heck´s angesagte Hitparade, wenn am Ende der Sendung auch nur auf den letzten Platz. Immerhin, das hat zu dem Zeitpunkt noch niemand aus der Seestadt Bremerhaven geschafft. dass es nun der undankbare Keller der TV Hitparade sein muss, ist wiederum ein starkes Argument für den Künstler selbst, der, wenn auch ein wenig ungerade gestyled mit einem zwei Kopf größeren Surfbrett vorm Bauch, sich dafür ziemlich ungezwungen den Anweisungen der Regie widersetzt. Er legt das Brett ab, und ist sekundenlang nicht im Bild. Das hat vor ihm noch keiner gewagt. Nach der besseren Alternative gefragt antwortet George, dass es wohl nicht das Verschwinden aus der Kamera und dem Lied gelegen habe, eher an dem Altersunterschied zu der Begleitcombo. Er habe in seiner Heimatstadt an der Weser noch zwei Kollegen, Freunde seiner Kragenweite eben, die wesentlich besser zu ihm passen würden. Das leuchtet ein, man kommt ins Geschäft. Fäden werden gesponnen, zerrissen, wieder geklebt. Als die Drei dann ihre erste Single Komposition plus B-Seite anbieten, rät man ihnen aus der Elbe Metropole freundschaftlich dringend ab, dieses Lied ("Tu Was") zu veröffentlichen. Aber die Bremerhavener bleiben hart, haben sie doch gehört, in dieser Branche muss man sich durchsetzen, bis sie einen Monat nach der VÖ wie Butter in der Sonne wieder in Hamburg auflaufen. Gerade in dieser Periode muss die SPD mit "Tu Was" auf ihren Plakaten werben. Dadurch nicht ein einziger Radio-Einsatz.

Neue Gespräche, ein anerkanntes Potential an Talent und eine gerade abklingende NDW verhelfen den drei Bremerhavenern zu einem Dreijahres-Exklusivvertrag mit drei in Aussicht gestellten LPs. Das hat ´s bis dato zwar schon gegeben, aber so was von selten! Nur, wer „hinter ´m Cuxhavener Deich“ lebt (ebenfalls aus dem „Rotesand“ Info), der braucht eben etwas länger, um solch ein grandioses Angebot auch zu verdauen, vorausgesetzt, dass er es als ein solches überhaupt erkannt hat.

Die Linie ist jedenfalls klar, es soll in deutscher Sprache produziert werden. Da außer George B. niemand so recht etwas zu Papier bringt, schreibt der zwar alle Texte, gezeichnet wird aber zu dritt. Ein viertes Talent wird involviert, Nibbl Niemeyer, der zu dem Zeitpunkt schon ein ausgezeichneter Studiomann ist, vor und hinter dem Mischpult, und zusätzlich noch ergänzender Gitarrist und Bassist (doppelt hält besser) mit exzellenten Fähigkeiten. Micky Kaiser finanziert in ersten Schritten ein Heimstudio in seiner Wohnung über dem „Wally“.

Ein Name muss her für das Dreiergespann zu viert, und der "Entdecker" von der Alster, Thomas Quast, geht gleich in die Vollen mit "Die Russen kommen". Thomas ist heute immer noch ein Freund (samt Under-Cover-Mann Wocky). Die Idee ist ja auch voll witzig, passt aber leider so gar nicht zu den ungepanzerten Schnulzoletten und den "dreiviertel Rock hoch überm Knie"-Uptempi. Wenn man allerdings aufgepasst hat, wird schon da deutlich, wohin T.Q. (nennt sich selbst liebevoll Tee Kuh) mit dem quartettigen Trio möchte: Rockeinwärts. Ein prämierter Hamburger Starfotograf wird bestellt, Sonnenuntergangsfotos (das könnte eventuell symbolischen Charakter haben, witzelt man seitens der Models) im Watt von St.Peter Ording werden geschossen, von der Firma abgeschmettert wegen mangelnder Wiedererkennung der Künstler (wat´n Schwachsinn, die Bilder waren super, und wenns die Musik nicht schaffen würde, dann die Fotos). Zugegeben, das "Marlboro Rot" vor dem kernigen Braun des Grand Canyon Ambientes,was man sich seitens des Konzepteurs wünschte, hat gefehlt.
Miller/Kaiser/Meier -wie denn nun?

Ein anderer Fotograf hängt uns Kettchen um den Hals, befreit unsere Oberkörper, macht Schwulenbilder in mitternachtsblauem Dunkelrot, dass es einem vor Gemütlichkeit gefriert und sogar der Phonogram schwarz vor Augen von dem Bunt wird, sie die Farben für die Pressebilder (siehe Foto) rausziehen lässt. Zusätzliche Recken für das Live-Programm werden angeheuert, und für die Backing Vocals eine flippige, aber stimmige Lady aus der "Alten Bürger", namens Sabine Lemke. Der in Neuhaus an der Oste lebende Tom Baumann steht hinter den Tasten, Heino Braas aus Cuxhaven setzt sich an die Drums, damit George B. auch mal an den vorderen Bühnenrand zum Stagediving ansetzen kann. Doch das erste Album unter dem Namen "Meier/Miller/Kaiser" (klingt nach mittelgebirgischer Kaufhauskette sagt der RTL Moderator - jetzt bloß keinen Namen nennen, man sieht sich immer zweimal), überwacht von Wunsch-Produzent Werner Becker (aka Anthony Ventura, berühmt für seine "Traum Melodien") gerät schlagerhaft aus dem Ruder ins Rhythm n Blues Rock n´Roll-Loch der Mittelmäßigkeiten. Innovativ nur die hohen Kosten, die eine schleppend verkaufte Erstanpressung natürlich nicht reinholt. Es gibt zwar einen Radio-Hit beim RSH mit "Ich gehör zu dir", aber letztlich geht niemand wirklich hin. Ok, think pink steht oben drüber, und es stehen ja noch zwei weitere Alben in Aussicht. So steht´s im Vertrag.

Das zweite "Werk" wird dann von Nibbl produziert, mit viel Spaß und guter Laune bei Finn Halle in Bremen aufgenommen und im Münchner "Rainbow" bei Frank v.d. Bottlenberg gemischt. Hörenswerter, knackiger, am Zeitgeist weniger vorbei, aber knapp vorbei ist eben auch kein Tor, das Punkte bringen könnte. Tee Kuh, zwischenzeitlich noch mehr Freund geworden (Wocky auch, soll nur erwähnt werden weil es verdammt selten ist, dass man als erfolgloser Künstler bei einer Plattenfirma Freunde hat), geht der Hut zwar nicht hoch, er nimmt ihn einfach und zieht enttäuscht ins hessische Wetzlar. Seine "Zwiebeln der Hoffnung" kamen über´s Keimen nicht hinaus. Na gut, MMK sind nicht der einzige Grund, da bedarf es schon mehr. Und es war wohl mehr. Die Phonogram fegt nun mit neuen Besen, schickt die Drei mit Hilfe einer Agentur in die weite Republik hinaus, überall dorthin, wo niemand sie hören will, auch wenn Jürgen v.d. Lippe in "so isses" von Mickys "wunderbar rauchiger" Stimme schwärmt und voll des Lobes über die Band ist. Aber wann ist er das bei seinen Gästen nicht. Also, außer neuen Besen nix gewesen.

MMK-große Besetzung im STUBU, HB, 1986

ZDF, ARD, RTL, und wie sie alle heißen, damals noch um Aureolen Popper bemüht, werfen alles an Kameras an was die Studios zu bieten haben. Es wird getourt, pompös aufgespielt im „Quartier Latin“ (Berlin), im „Jovel“ in Münster, ungeachtet ob ´s passt oder nicht. Kassieren tut nur eine völlig überteuerte Agentur aus dem friesischen Land. Ende der Fahnenstange. Hamburg adele. Man bietet eine gütliche Trennung an. Zwischenzeitlich spielen die Profis in Testformationen wie „Grand Hand“, „Easy Flight“, teilweise noch mit Lu Lafayette an den Tasten, der irgendwann den Namen „George B. & the Bees“ beisteuert. Diese drei Bands mit permanent wechselnden Besetzungen dienen vorrangig der finanziellen Unterstützung der Existenz und dem Probieren neuer Titel vor einem Publikum, beispielsweise im „Quincy“ (oder „Texas Club“) von Wolfgang Cyss in der Borriesstraße, im legendären „Lili Marleen“ oder wo man sonst noch scharf auf gemäßigten Eintritt bei geringer Erwartungshaltung ist.

MM trennen sich in beiderseitigem Einverständnis vom K, wollen höher hinaus, und ziehen mitsamt Niemeyer um in das Obergeschoss eines Supermarktes in der Osterstraße, hoffen, dort goldene Eier legen zu können. Es wird gearbeitet, geschuftet, kreativ fantasiert und feste aufgenommen, allerdings in englischer Sprache. Immer wieder fallen andere Projekte an, wie das von Freund und Gönner Helmut Frank für seine Firma „Acos“ in Bremen, ein Album mit gecoverten Oldies für Freunde, Kollegen und Kunden. Dann ist George Meier plötzlich Namensgeber. Er hat zum x-ten Mal einen Western gesehen, der ihn so sehr tangiert, dass er am liebsten seine Sechsaitige gegen ein Six Gun eintauschen würde. Er lässt einfach das dreifache „The“ weg, und „Good, Bad n´ Ugly“ werden aus der Taufe gehoben, wieder alle Texte von Drummer „Bee“. Wieder alle Demos von Nibbl N. aufgenommen, vom Ohrweger Heino de Witt in Bremen bei F. Halle recorded. Und ab geht es in Richtung Köln mit den Bändern (denn dahin ist die Phonogram gezogen). Eigentlich ein recht mutiger Schachzug, aber Frechheit soll ja bekanntlich siegen. Und so ist es. Louis Spillmann, seines Zeichens immer noch Chef der „Fumogramm“ (inzwischen mit einigen Erfolgen im Nacken als der Welt jüngster Geschäftsführer einer Plattenfirma), ist überwältigt von dem neuen Produkt. „Wow, wie das sounded! Diesmal machen wir es richtig“, sagt er.

Verdammt Good, Bad, n´ Ugly

Ein englischer Produzent muss her. Man schickt die Aufnahmen zum „World ´s End Management“, einer weltbekannten Produzenten Agentur, nach London. Derjenige, der das Material wirklich gut findet, soll den Zuschlag erhalten. Tony Taverner meldet sich, ist sehr angetan von Musik und Mannschaft, hat Referenzen wie, z.B., Produktionen mit Philipp Boa, Nazareth und anderen derzeitig großen Namen. Man trifft sich am Rheinufer bei ein paar Kölsch, sympathisiert, geht ganz locker und offen miteinander um. Was man zu der Zeit von Tony noch nicht weiß, dass er jeweils nur einen, maximal zwei Titel auf den Alben der oben genannten „Großen“ zustande brachte. George und George fliegen mit Nibbl für 15 Tage auf die Insel, sind überrascht von der ausgezeichneten Unterbringung, dem überaus, und so nie erwarteten Komfort, dem blauen Wasser im Pool, dem eigenen Tennis Court, dem schmackhaften Essen, und sie lassen Tony schalten und walten weil er es so wünscht. Welch faux pas de deux. Am 14. Tag kommen zwei Vertreter der Firma, essen mit, nutzen den Pool gemeinsam mit den Künstlern, hören rein, fallen vom Glauben ab, erwischen dafür aber noch am gleichen Tag den Flieger in die Heimat.

Zwei Stunden nachdem die Bänder des „Good, Bad, n´ Ugly“ - Erstlingswerks eingestampft sind, stellt sich heraus, Tony brauchte das Geld, um seine dritte Hochzeit finanzieren zu können. `Such is life` wäre ein charmanter Name für diesen teuren, wenn auch enttäuschenden Spaß geworden.

Was ist nun aus diesen munteren Jungs der Unterhaltungsbranche geworden? Micky Kaiser verstarb nach schwerer Krankheit am 09.02.1997 in Billerbeck (Kreis Höxter). Nibbl tourte mit "Hair" (dem Musical), vertourte sich dann selbständig mit einem kleinen aber feinen Musikgeschäft in der Grashoffstraße in Geestemünde, hat aber starken Halt in seiner großen Liebe, und George und George erfreuen sich auch heute noch lebhaft am bunten und vielsaitigen Treiben in der Manege des Familienzirkus bei den „Hagen Allstars“. Vielleicht gibt´s bald was Neues, wer weiß das schon.


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