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Aktuelles

Bundeswehr ruft - ich kommiss

Es war früher in meinem Leben als ich befürchtet hatte. Der Kommiss rief, und wollte mich unbedingt zum General machen. „Haupt“mann war ich ja schon dem Namen nach, auch wenn das bei der Musterung nicht zählte. Ursprünglich war meine Absicht ja freiwillig, und auch gleich für vier Jahre mit einer Musik-Ausbildung, um ins Stabsmusik-Korps zu kommen, nicht in den Schützengraben. Aber auch das zählte nicht. Mindestens ein Melodie-Instrument war Vorgabe. „Just Us“ gab mir also 1969 den Laufpass (nein, nicht diesen) weil Stephan gerade seine Uniform abgelegt hatte und deshalb erfahrungsgemäß befürchtete, dass die Wochenenden für die Band gefährdet wären.

Die Grundausbildung marschiert in Hamburg-Wentorf und sie erinnert mich an die Zeit, als ich nie einen Pfennig besaß und doch alles hatte. Sport, Nacht-Orientierungs-Gepäckmärsche in einer „Mondschein-Kompanie“, Waffendrill, Essen und Unterkunft. Alles kostenlos, aber nicht umsonst, wie man mir versichert, und alles perfekt für die physischen Charakteristika. Ich lerne mit Gewehren und Getränken umzugehen, spreche häufiger mit „Hopfus“, dem Gott des Bieres, als mit Thor, der seinen Donner immer erst am nächsten Morgen in meinem Kopf rollen lässt. Aber auch die schicke blaue Ausgeh-Uniform sitzt wie „angegossen“, zunächst jedenfalls.

gezeichnet von M. Deistler

Ich versammle zwei Jungs um mich, denen mein Wehrdienst nichts ausmacht, Gert Krawinkel und Micky Kaiser, und wir sind das frühe Trio der späteren „Cravinkel“ als Quartett.

Nach drei Monaten Gefechtsausbildung stationiert man mich in Oldenburg-Donnerschwee, und mein Vorgesetzter vermittelt mir einen Job als DJ im „Red Balloon“. Wegen des geringen Solds ist es üblich, dass hier jeder etwas nebenbei macht, fast egal, wie er sich dabei prostituiert. Ich bin jung und brauche das Geld, vor allem Sonder-Genehmigungen; denn mein Ausgang geht nur bis Mitternacht, und ich will an bestimmten Wochenenden mit der Band musizieren. Also gebe ich den Recken aus meiner Kaserne, die ins „RB“ kommen, Tipps, welche Mädels als Single gekommen sind. Es ist simpel, da ich mit meinen Plattentellern direkt dem Eingang gegenüber sitze. Dankbar lassen sie mich dafür, wenn sie Wache haben, noch nach 24 Uhr und auch mal orientierungslos durch die Schranke, ohne Fragen zu stellen oder Meldung zu machen.

Unser Mannschaftsraum, zur freien Entfaltung der Sehnsucht Richtung Heimatstadt nach Dienstschluss, mit stilechter Fichte-Tanne-Theke, nennt sich „Lazarus“ nach einem alten Ritterorden, weil es hier spontane Hilfe mit Hopfen und Magenbitter gibt gegen uniformierte Sorgen. Kaum ein anderer Ort wird häufiger frequentiert. Ich möchte ihn nicht romantisieren, aber hier ist die Front. Mein Trick, mich schon am Montag mit einem angedickten Hals krank zu melden, damit ich am kommenden Samstag mit Sicherheit spielen kann, erweist sich als Bumerang. Die gelben, grünen und roten Minipillen, die alles kurieren sollen, erhalte ich zwar bar auf die Hand, werde aber durch den zweiten Blick auf meine überproportionierten Königsmandeln dann doch ins Krankenrevier eingewiesen.

Am Freitag dürfen die meisten „Sanierten“ ins Wochenende, egal ob mit halber Lunge, Herzklappenrhythmusstörungen, oder Kopf unterm Arm. Nur mir, dem einzigen Gesunden, dem der Stabsarzt das Gefühl vermittelt, ich hätte ihm seine Streifen geklaut, wird es verwehrt. Gegen Nachmittag schaut der UvD (Unteroffizier v. Dienst) völlig entrückt seine Lieblings Serie „Bonanza“ im TV, das Kasernen-Leben hinter sich lassend. Das ist der Moment zu zeigen, was man mich in der Grundausbildung gelehrt hat. Auf Brustwarzen aus dem Haus und im Bandbus mit „Cravinkel“ nach Bielefeld zum Gig, der dann unglücklicherweise auch noch ausfällt, weil das Jugend-Zentrum wegen Renovierung geschlossen hat. Das Wachpersonal lässt mich wissen, dass ich schon auf der Vermisstenliste stehe. Ich leg mich wieder ins Krankenbett und denke nach. Sorgen wegen eines dicken Endes? Nein. Wenn niemand seinen Kopf verliert, dann verliert auch niemand seinen Kopf.

Bei der täglichen Visite während meiner Abwesenheit, findet der Stabsarzt ein sauber gefaltetes, aber leeres Bett. Anstatt mich nach meiner Rückkehr in seine Armee zu schließen, macht er ein Gesicht wie drei Tage Fahnenflucht, und beschließt eine 14tägige verschärfte Ausgangssperre, weil ich ganz natürlich die volle Schuld auf mich genommen habe, um den Dienst habenden Uffz, der seiner Leidenschaft frönte, zu entlasten. Ich darf nur zum Frühstück, Arbeitsplatz und Mittagessen raus, im Ernstfall noch mein Land beschützen, und dann aufs Zimmer. Disco-Job adele. Im Nachhinein denke ich, hätte ich in meiner Kindheit bloß ein Melodie-Instrument gelernt.

 

Laufpass Ausgabe I / 09


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