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Seldom Sober´s Country

Tom´s Amvets Bar

Der Mensch mit schmalem Gehirnbeutel, Zögling der breiten Masse, musste immer alles in einer festen Verbindung sehen. Für ihn waren Baum und Rinde, Dummheit und Brot, untrennbar, und Musiker gingen gar nicht ohne Alkohol und Drogen. Dann kam jemand von der britischen Insel über den Kanal, hielt ein Schild hoch auf dem stand, dass zu dieser idealen Verbindung auch noch Sex gehöre, und plötzlich wurde aus dem Künstler ein punkiger Hippie mit filzig langer Matte, der sich nur einmal in der Woche wusch, vorausgesetzt es regnete. Dabei verschreibt der Hausarzt Drogen schon beim Anflug einer Erkältung, Rock ´n´ Roll ist einfach nur eine geile Musik und prächtige Lebenseinstellung, und Sex ist in jedem normal funktionierendem Haushalt zu finden. Man redet eben nur nicht darüber. Ich distanzierte mich also mit gehobenen Händen von dieser vorgefertigten Meinung.

Mitte der 80er lerne ich den AFN Spezialisten Jim Kirby kennen. Er hat Bass und Gesang zum Hobby gewählt und fragt mich, ob ich Lust hätte, in der Country und Western Combo „Seldom Sober“ (selten nüchtern) seinen nach Amiland zurückgekehrten Trommler zu ersetzen. Die Band spielt vorwiegend in Soldaten Clubs, der Dollar, mit dem sie bezahlt wird, steht bei 3,69 DM, und natürlich begeistert mich sofort der Gedanke an all die schmackhaften Junk-Food-Hamburger, Jack Daniels und meine Lieblingsdroge, Chili con Carne aus Dosen. Bei dieser aus drei Amerikanern und drei Deutschen bestehenden Formation, mich inklusive, ist der Bandname allerdings Gesetz. Die Getränke sind zollfrei, kommen gleich aus mitgebrachten Gallonen in die Becher, und der kränkelnde, marode Banddiesel, mit dem zur Lackierung passenden Namen „The Green Machine“, hat auch noch einen Fahrer, der nicht trinkt. Der Einzige übrigens den ich kenne, der sogar schnarcht wenn er wach ist. Mit anderen Worten, die Stimmung ist häufig schon auf dem Höhepunkt, bevor die erste Box die Bühne erreicht hat. Das passt, denn die Wochenend-Cowboys und Line Dancer im Saal sind es zu dem Zeitpunkt auch schon.

Und danach riecht es auch beim „Chili Cook Off“, einem Hobby-Koch-Wettbewerb für Offiziere in der Garlstedter Kaserne, der aber ziemlich unbeachtet nur nebenher läuft. Eine Jury testet mit kleinen Löffeln das feurige Resultat, bewertet, der Sieger wird mit der „Goldenen Brechbohne“ gekürt, und der brisante Rest bleibt in den 16 Behältern. Genug für ein Jahr Mannschaftsabend der Garnison. „Seldom Sober“ erhöht in der Garderobe derweil noch schnell die Voltzahlen. Unser Gitarrist lässt sich zum ersten Set nur zögerlich überreden, zum zweiten muss er schon von zwei Mann gestützt zur Bühne eskortiert, mit dem Rücken aufrecht an die Wand gestellt werden, während ein anderer ihm das Instrument umhängt. Den letzten Set spielen wir fast unfallfrei nur noch zu Fünft nach dem Motto: Ohne dich ist besser als mit mir. Der letzte Ton ist verhallt, die Western-Helden haben ihre Munition verschossen, da beobachte ich, wie Nr. 6 sich das Chili in einen blauen, äußerst sensibel aussehenden Plastiksack abfüllt. „Das ist für mein Schwein“, verrät er mir flüsternd wie der Zahlenverkäufer in der Sesam Straße, „ du erinnerst dich? An meinem Geburtstag vor einem Jahr, als ich es geschenkt bekam, war es noch ein Ferkel, und wir überlegten, ob wir es zum Span freigeben sollten. Nun ist es ausgewachsen, braucht mehr, vor allem mal was Anderes als nur Kartoffelschalen. Das Chili hier wird natürlich alles mit Wasser verdünnt.“

Ich kann es nicht fassen. Zum Einen, weil sich das Tier verdauungstechnisch von dem Zeugs nie wieder erholen wird, zum Anderen aber, weil dieses hochexplosive Gemisch die Sicherheit der Rückfahrt in Frage stellt. Eine achtlos weggeworfene Kippe, und alles fliegt in die Luft. Von ca. 100 Schutzengeln bewacht, kommt man aber irgendwann sicher zu Hause an. Also doch noch alles gut, und „Hurra, wir leben noch!“ Das Schwein dagegen ist inzwischen in seine Einzelteile zerlegt worden, vom Stall in die Kühltruhe umgezogen, um irgendwann auf den Tellern des Großziehers zu landen. Seine Kinder allerdings sind in den Tagen zu Tode betrübt auf Cornflakes umgestiegen.

Sie kannten die Sau beim Vornamen.

 

 


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