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Cracker Jack - Country Gentlemen of Pop

v. l. n. r.: Hans Dieter Franke, George B. Miller, Heiner König, vorn: Mario Bottaz

Sie zählten zu den ungekrönten Königen der Top Chart Pop Szene im Landkreis, und das nicht weil sie vor Musikalität jedem Trecker das Pfeifen hätten beibringen können, sondern weil sie begriffen hatten um was es in der harten Branche ging - Entertainment.

„Es ist viertel vor acht und die Musiker werfen wieder ihre Köpfe nach hinten“! Hansi Franke´s geflügelte Worte an seine drei Mitstreiter in der Garderobe, wenn es höchste Eisenbahn wurde, Zeit für „Gleisbau“, nach dezentem Schminken und Pudern, sich das vorbereitete Stärkungsmittel durch die Kehle rollen zu lassen. Jeder, der irgendwann mal in seinem Leben einen brandigen Wein pur gekippt hat, weiß was ich meine. Eine Minute bis zum Countdown, Pünktlichkeit oberstes Gebot, kein Stargetue, niemals seine Fans warten lassen. Und dann raus in die Hölle der weitaus über 1.000 Tanzteufel, die heiß sind auf die ersten Töne aus Orange Verstärkern und inbrünstige Dreistimmigkeiten aus vier goldigen Kehlen. Yeah, yeah yeah, tönt es ihnen entgegen als sie nacheinander die Bühne betreten in ihren extraordinären, teilweise maßgeschneiderten und unübersehbar bunten Klamotten. Für jeden die richtige Farbe, für jeden passend Hemd und Hose.

SNOBS v. l. n. r.: Dino, Hans Dieter Franke, Fulvio Ziglioli, Charly Seifert

 Aber so fängt die Geschichte der Landkreis-Helden ja nicht an. Die geht Mitte 1960 los mit dem Langener Hans-Dieter Franke (Tasten und Gesang) und den Bremerhavenern Fulvio Ziglioli (Italien-Import, Gitarre und Gesang), Charly Seifert (Bass) und Frank „Dino“ Rösler (Schlagzeug) als „Snobs“ auf Pionier-Reise durch die norddeutsche Tiefebene. Das Terrain wird sondiert, jede Steckdose verunsichert, es geht darum, den Namen in so vielen Ohrenpaaren wie möglich sacken zu lassen. Fulvio, angestellt bei den hiesigen Stadtwerken, verlässt zuerst die Combo, will sich mit einem Studio selbständig machen, wird fester Bestandteil bei der „Stadtwerke Band“. Bei einer erfolgreichen Band ist sofort Ersatz in Sicht. Gesichtet und angeheuert wird Uli John, bekannte Rockgröße der 60er Jahre, Gitarrist und Sänger bei den bundesweit bekannten „Black Stars“, und das Überland - Touring kann nach kurzer Einarbeitungsphase fortgesetzt werden. Fünf Jahre später, 1971 schwächelt dann Charly, muss aus gesundheitlichen Gründen seinen Abschied nehmen. Uli erinnert sich an seinen ehemaligen Kollegen, der bei der letzten Europatournee einfach in dem Land blieb, das ihm so viel Sonne und eine neue Sprache bescherte. Ein zweiter „Black Star“ füllt die Lücke am Bass, frisch aus Italien, wo er geheiratet hat, an die Weser zurückgeholt, Heiner „King“ König. Dieser Mann ist verwöhnt was Kleidung betrifft, und er lässt es alle wissen. Fast ein bisschen pfauengleich, aber energisch versucht er seine Ideen von Bühnenpräsenz deutlich zu machen, und man hört auf ihn. Bis auf den, der schon immer in Schwarz seine Vorstellung gab: Uli nimmt seinen Hut und hängt ihn zukünftig wieder zuhause auf den Ständer. Aber auch das wirft die Proper-Popper nicht aus der Bahn. Mario Bottaz aus Hamburg wird vierter Mann, und, wie es scheint, ein absolut hochkarätiger Ersatz, stimmlich und an seiner Sechssaitigen. Da trifft die Snobs ein weiterer Knüppel zwischen die Geher – Drummer und technisch ausgewogener Takthalter „Dino“ Rösler wendet sich einem anderen „Glauben“ zu, sieht keinen Sinn im Tingeln, steigt aus. Der Mann war hervorragend, scheint unersetzbar, aber solch eine Aussage gibt es in dem Repertoire der Semi-Profis nicht. Und so erinnert man sich an einen Rock n´ Roller aus Lehe, der gerade seinen Dienst bei der Luftwaffe in Oldenburg absolviert hat, und nun in Bremen ´s angesagtem Insider Club, der „Lila Eule“ die Freaks mit Musik aus der Konserve unterhält, und bei den „Happy Times“ hinter der Schießbude Eindrücke hinterlässt, George B. Miller. Froh, der Stadt der „Konservativen“ den Rücken kehren zu können, sagt er spontan zu. Nun passt allerdings der Name „Snobs“ so gar nicht mehr zu diesen vier gestylten Top 40 Strategen. Allerdings wird auch nicht lange gefackelt. Da man vorwiegend Hits der englischen Lande interpretiert, muss auch ein Name aus der Ecke nicht unbedingt schädlich sein für´s Image. „Cracker Jack“ werden sie ab nun genannt.

Die steile Karriere dieses rock und rollenden Wanderzirkus ist nicht zu bremsen. Geprobt wird in einem eigens dafür angemieteten Zweifamilienhaus in Drangstedt, das Mario und ein Roadie bewohnen. Die Gigs nehmen nicht nur zu, sie häufen sich. Der Pfeil zeigt nach oben, die Gagen ebenfalls. Um das Finanzamt bei guter Laune zu halten, wird ständig neues Equipment gekauft. Von den eigenen Frauen und Freundinnen geschneiderte Outfits verschwinden in der Putzlappen-Kiste. Man kauft in Holland das, was in England an 1 gesetzte Superstars nicht abholen weil sie es leider nur bis auf Platz 4 geschafft haben. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Am Mischpult probieren sich derzeitige Schieberegler-Kanonen wie Hermann Giesche oder Starkstromspezialisten wie Helmut Bortels. Die Band ist so gefragt, dass gezielte Werbung überhaupt nicht erforderlich wird. Dennoch beschließt man, eine Single mit eigenen Kompositionen aufzunehmen. „Susann Chérie“, teilweise aus eigener Feder, angeschoben durch Stefan Remmlers Zutaten, produziert von keinem geringeren als Georg Moslehner aus Hamburg, geht in die Radio Charts, wird vor deutschen Schlagerstars die Nummer 1 in Papa Bully ´s Hitparade in Hagen im Bremischen. Ermutigt durch den Erfolg wird neben den komplett ausgebuchten Wochenenden weiter komponiert. Es läuft, und wie. Der Landkreis wird zu eng, zumal sich da auch noch Spitzencombos wie „Golden Chains“, „Kentucky“ und die unvergessenen „Moonshots“ mit Kuddl an der Geige tummeln. Ein neues Revier ergibt sich durch die Veröffentlichung der Singles. Man bereist die Republik, ist gern gesehen auf Promi-Parties, wird den heimischen Fans aber nie untreu. „Cracker Jack“, das sind vier junge Musiker zum Anfassen. In jeder Pause holen irgendwelche Fans sie von der Bühne, um sie mit an den Tresen zu schleifen. Ob es nun Peter Pülsch in Iselersheim bei Bremervörde ist, Klaus Bensen in Flögeln oder Klaus Roes in Lintig, es steht ihnen auf der Stirn geschrieben, ihnen gefällt ´s. Das ist Umsatz der Superlative, unabhängig ob die Musiker mittrinken oder nicht. Kniegas, boom, boom, Tendenz und Pegel steigend. Da erhält George B. das Angebot, bei den „Rattles“ in Hamburg für den Berliner Wolfgang Brock einzusteigen. Dieses Tor lässt der „Jimi Hendrix für Arme“ (in seine Frisur hätte zweifellos ein Albatros ein zweistöckiges Eigenheim bauen können) sich nicht vor der Nase zuschlagen. Für ihn kommt Achim Brierley aus Bremen, einst Trommler der Bremerhavener „Competition“. Als dann auch noch Hansi Franke sich seinen übermächtig werdenden Geschäften widmen muss und die Band verlässt, scheint es der Anfangt vom Ende zu sein. Heiner führt die Band noch ein paar Takte weiter, aber kurz bevor aus den 70ern 80er werden, kommt der Schlusspfiff. Große Trauer auf dem Spielfeld, ein stummes, aber unendlich wehmütiges „Warum“ aus den Herzen zahlloser „Schlachtenbummler“. Eine großartig spielende Mannschaft ist vom Platz gegangen, allerdings schon zu aktiven Zeiten von ihren Fans zur Legende erhoben.


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