Home  |  Gästebuch  |  Links  |  Kontakt  |  Impressum  
Aktuelles

Love Hurts

Mit 22 Jahren wäre ich gern der Drummer der Rolling Stones und berühmt gewesen.

Technisch, spielerisch hätte ich das bestimmt auf die Reihe bekommen, aber von ihrem provokativem Unflät in der Öffentlichkeit bin ich so weit entfernt wie der Albatros von einer perfekten Landung.

Das beginnt schon bei Aufnahmen für Bandfotos. Alle stehen breitbeinig da, lassen locker die Arme hängen. Ich kreuze Arme, Beine, und vermittle den sensibilisierten Eindruck einer züchtigen Ballerina direkt nach ihrem Knicks. Mir wird klar, ich bin anders erzogen. Um so zu sein wie die Harten, brauche ich Hilfe. Bis die kommt, muss ich daran arbeiten, mich meinem direkten Umfeld besser anzupassen, damit die Einheit der Formation deutlich wird.

Wenn ich allein bin, beginne ich meinen Kaffee zu schlürfen. Es gefällt mir. Blitzartig machen sich Skrupel breit, dass mir das auch passieren könnte, sollte ich mal in Gesellschaft sein. Dann sage ich mir aber, wem ´s nicht passt, der kann ja gern etwas Anderes trinken. Ist allein dieser Gedanke schon der Beginn der Verrohung? Meine neue Freundin bricht gnadenlos ihre Verbindung zu mir ab, weil ich ihr Liebesgedichte schicke, statt ihr die Grafiken im Kama Sutra zu erklären. Soll ich ihre Wünsche vielleicht ahnen? Dabei hätte ich sie bestimmt irgendwann zu meiner Festen gemacht. Ihr Bild sehnsüchtig vor Augen, nagle ich sie an die Tür meines Badezimmers. Mit gefühlten 36 wird mir bewusst, ich kann ´s nicht verschieben, dass ich älter werde. Das ist der Lauf des Lebens. Aber ich kann verhindern, dass ich mich langweile, bevor ich das Verfallsdatum erreiche.

Der Streifen „Dr. Jekyll und Mr. Hide“ spult immer häufiger in meinem Kopfkino ab. Da wird erst höllisch gemixt, und dann verändert sich alles. Das könnte es sein. Also ab und dahin, wo der wilde Spaß fließt, und zwar in Strömen. Erstmal einfach nur den Anderen hinterher. So wie jetzt im PKW im Convoy mit dem Bandbus nach Holland, gleich nach der Arbeit abgeholt, noch nichts im Magen. Es soll da was zu essen geben auf der überdachten „Umsonst und Draußen“ - Hobby-Cowboy und Indianer Veranstaltung. Der erste Set klingt allerdings noch ziemlich hohl und holprig, weil flüssige Nahrung einen anderen Effekt erzielt. In der Pause sitze ich vor dem Künstlerspiegel in der Garderobe, rauche, trinke, pudere mir die Nase und freue mich über die vielen neuen Laster in meinem Fuhrpark. „Nimm dir ein paar Pommes, und dann wieder raus in die Schwarzpulver- Schlacht! Je eher daran, desto eher davon.“ Mein Kollege zeigt auf einen welken Pappteller mit ein paar übrig gebliebenen Kartoffelecken, die lustlos aus ihrer rot-weißen Pampe über den Rand linsen, als wären sie in Hängolin gewendet und von einer Gruppe Linedancer getreten worden.

Von uns allen unbemerkt, ist zwischenzeitlich ein Gewitter aufgezogen. Es donnert. Es blitzt.

Unser Gitarrist dreht sich im Zeitlupen-Tempo in die Richtung, aus der das kam, stellt sich malerisch in Pose, in der Annahme, ein Fotograf habe gerade ein Bild von ihm geschossen. Er ist eben ein Vollprofi, sagen die Mitstreiter. Ich denke, er hat einfach nur mehr getrunken als die Anderen.

Da schleicht zwischen zwei Songs ein bunt bemaltes Totem mit asiatischen Gesichtszügen und einer liederlichen Stammesbraut im Arm auf uns zu. Unglaublich, dass es in Korea noch Indianer gibt. Er will „Love Hurts“ von Nazareth singen und fragt, ob wir es drauf haben. Auf solch einer Party wie dieser lässt man die Leute besser machen. Das geht immer. Noch bevor jemand dazu kommt, nach der Tonart zu fragen oder begreift, was eigentlich los ist, hat er schon ein Mikrofon an den Lippen und schluchzt ununterbrochen und herzzerreißend „love hurts, love hurts“, dass jede Seele auf dem Parkett es ihm ohne Bedenken abkauft. Wir freuen uns natürlich auch. Das ist erlaubt, wie masturbieren im Flugzeug. Alles, was Spaß macht. Liebe tut weh, und irgendwo da draußen auf dem Camp weint ein Tipi. Die Indianerin, wohl so etwas wie seine Squaw, ist zutiefst ergriffen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie die Einlage nur mutig findet oder aber persönlich nimmt. Bei „Love stinks“ von der J.Geils Band wäre es wohl möglich anders gelaufen. Aber das ist hypothetisch und gehört nicht hierher. Die Nacht war liquide, die Rückfahrt lang, und ich gehöre längst ins Bett.

Der nächste Morgen ist ein später Mittag. Augen aufschlagen, die alten Deckenbalken sehen, parallele Schienen des Zuges nach Nirgendwo. Wo endet mein Schlaf, wo beginnt mein Tag? War mein Traum Wirklichkeit, oder ist meine Wirklichkeit ein Traum? Zu schwere Fragen für einen schläfrigen Tag. Es gibt Wichtigeres. Ich räkle mich wohlig und stelle schließlich die Schicksalsfrage: Wer macht den Kaffee? Im Vitamin C Saft schwimmen Tabakkrümel. Ein weiches Ei dreht am Himmel einsam seine Kreise, mein Stuhl versinkt im Sirupboden, Duschköpfe blöken leise Chansons. Nur der Ober scheint normal. Aber so ist das. Einer tanzt immer aus der Reihe. Was war das bloß für ein Zeugs, das ich da gestern Abend zu mir genommen habe, um meinen großen Zeh zu beruhigen, der sonst noch stundenrund den Beat der letzten Nummer rockt?

 

Laufpass III 2009


Keine Artikel in dieser Ansicht.

mehr Aktuelles