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Celler Kasernenrock

Es ist einer von diesen bitterkalten, winterlichen Spätnachmittagen. Die Sonne sowieso nie da, wenn man sie braucht, und der Mantel der Dunkelheit legt sich ganz stickum über das verschwindende Wenig, das es gerade noch zu sehen gab. Die Kabine im Bandbus ist vom Rauch der Roth Händles und eigenhändig Gedrehten so intensiv geschwängert, dass man nur an der Stimme, vielleicht noch am eingebügelten Schweiß des Nylonhemdes erkennen kann, wer neben einem sitzt. Keine Spur von Sauerstoff, und während der Fahrt das Fenster zu öffnen, hätte sofort ein Schneechaos zur Folge. Kälte wäre nicht das Problem, weil die Heizung sich schon vor Monaten ihren Urlaub gebucht hat. Also husten und leiden, und immer wieder die lauwarme Glühweinflasche weiterreichen, bis einem das Ziel, das im Grunde eh niemand wirklich kennt, weil noch nie jemand von uns vorher da war, völlig schnurzpiepegal ist.

Der Fahrer ist Nichtraucher, darf nicht trinken, und findet auch als einziger die kursierenden Witze nicht die Bohne komisch. Bärtige Geschichten über die einstigen, an einer Hand abzählbaren, wenn auch euphorischen Groupies. Hast du sie nun geknallt oder nicht ? Hey, das ist nicht das Geheimnis. Anbaggern, heiß machen, aber nicht berühren. Was sonst vergleichbare Ähnlichkeit mit Amors Flügelschlag in irgendeiner Garderobe haben könnte, darüber schweigt der Gentleman. In unserer Band gibt es aber ja keinen.Und so schlittern die fast profillosen Reifen über die verschneite Landstraße. Also, alles in allem, beste Bedingungen, um einen prächtigen Tanzabend im Kasino der Panzer Division in Celle zu spielen. Ein Königreich für einen Schluck Rum, um das Kratzen des süßen, weihnachtlichen Glühstrumpfes zu bändigen. Ich sitze vorne und versuche, meine Augen durch das heftige Wirbeln der unzähligen Flocken zu schicken. Die Kegel der Scheinwerfer fressen sich durch das flirrende Schneetreiben, und der nur gering prozentige Rote auf leeren Magen schickt mir doch tatsächlich aufregende, wenn auch irreale Bilder. Wir nennen sie Hallus. In das Weiß des Schnees färbt sich das Blau von Polizeiautos, ein Dauerrot von Ampeln auf den Weiden links und rechts, und die Scheibenwischer klatschen eine stumpfe, rhythmische Slowfox Nummer.

Der Geruch von Fisch passt allerdings überhaupt nicht in diese Wunderwelt, lässt mich sofort argwöhnisch nach hinten schauen. Und richtig, unser Gitarrist hat sich von seiner Mutter zwei saure Heringe für die Fahrt einpacken lassen. Grund genug, die zweite Flasche anzugehen, die Nase dicht über die Öffnung, tief inhalieren, dann hastig einen kräftigen Schluck, und es sind immer noch 50 km bis zur Kaserne. Zu viel für eine mickrige 0,7. Dann doch endlich die Lichter des Kasinos, ein uniformiertes Empfangskomitee mit rotwangigen Gesichtern und wild fuchtelnden Armen dirigiert, bis der Schlagbaum sich hebt. Bei meinen Kollegen wohl auch; denn sie rennen rutschend sofort irgendwo hin, um ihre gelben Spuren im Schnee zu hinterlassen. Eisig kalte Finger sind die absoluten Garanten für undefinierbare Akkorde auf der Gitarre und sich verselbständigende Schlagstöcke. Unserem Gitarristen, dem der Adventstrank trotz Fischunterlage doch mehr zu schaffen macht, als zu befürchten war, hänge ich das Programm für den ersten Set mit einem Clip um den Hals. In der Eile leider verkehrt herum, so dass wir, wie geplant, das erste Lied spielen, er aber das letzte. Er ist so Haubitze, dass er unsere verstörten Blicke als Aufwertung seiner Künste versteht. Den Soldaten merkt man an, dass sie mit ihren Bräuten schon länger auf uns gewartet haben.

Sie heben ihre Tassen mit Panzer Grenadine wie aufgepflanzte Bajonette, spritzen in unsere Richtung, grölen volkstümliche U-Boot Lieder, dass man glauben möchte, Atlantis sei wieder aus den Wellen getaucht. Es vermittelt jedenfalls nicht den Eindruck einer beängstigenden Attacke gegen uns wegen des lautstarken Angriffs auf ihre Membrane. Punkmoderner Kasernenrock, bis es plötzlich schlagartig angenehm harmonisch, fast heilig wird, als sei der Kaplan zum Gottesdienst an der Front erschienen. Unserem Gitarristen ist aber lediglich bei seiner unartikulierten, wahrlich nicht einstudierten Bühnenshow das Kabel aus dem Verstärker gerissen. In seinem Dunas entdeckt er den Fehler natürlich nicht, und da unten im Saal denken sie, es sei Schwoofzeit. Ein herrlich dämlich aufgeregtes Durcheinander an den Tischen des 70:30 Mann-Frau Aufkommens, und die Tanzfläche, eben noch einem Hubschrauber Landeplatz gleich, biegt sich unter dem Tango der etwa sechs verknoteten Paare.

Als die Weihnachtlichter ausgeblasen, die Opfer des Gelages aussortiert sind, der vor dem Konzert wunderschön geschmückte Baum eher einem Adventsgesteck ähnelt, packen wir unsere Sachen zusammen. Das heißt, ich bin davon befreit, weil zuständig fürs Abrechnen mit dem Unteroffizier des Planungs Teams, der den Abend in höchsten Tönen lobt. Wer es schafft, solch eine Batterie von kampferprobten Recken von ihrem Vorhaben, einen 3. Weltkrieg anzuzetteln, befreit, der kann unbedenklich weiter empfohlen werden. Ich werde unserem Gitarristen, der immer noch nach dem unfreiwilligen Aussetzen seines Verstärkers sucht, nichts davon sagen. Per musica ad pax.

 

Veröffentlicht im Laufpass IV 2009


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