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Easy Flight mit den Bees

Irgendwann kam die Zeit des Umbruchs, und mit ihr die des Umdenkens. Wir waren durch unsere Profiverträge mit Plattenfirmen zwar vom einfachen Musikersoldaten zum Hauptmann befördert worden, aber Generäle waren wir noch lange nicht. Ganz deutlich spiegelte sich das an den wenigen Medaillen im Portemonnaie wieder. Egal, wie gut oder schlecht wir waren, es fehlte eindeutig die Akzeptanz bei den Radio Sendern bundesweit und den Veranstaltern, möglicherweise ein Management. Die Hand vergaß dennoch nie das Instrument, auch wenn sie häufiger zum Mund geführt wurde, denn genau davon lebten wir.

Zuhause kauen die Kinder und Haustiere auf ihren Felgen. In der Band geht der Joint rum, weil er mindestens drei oder vier Zigaretten spart und auf andere Gedanken bringt, zum Beispiel den, eine weitere Band zu gründen. Kein Personalwechsel, nur ein anderer Name, um preisgünstiger spielen zu können. Aus Wolfsmond wird Easy Flight, die neues und eigenes Material vor einem Publikum antesten möchte, um es eventuell später auf Scheibe zu bringen. Offensichtlich, dass es primär nicht um das eigene Sparschwein geht, ist die Tatsache, dass Lude Lafayaette, George Meier, Zappo Lüngen und ich für geringe Gagen vorwiegend und vorliebend im „Texas Club“, respektive, dem „Quincy“ von Wolfgang Cyss in der Borriesstraße spielen. Wenig später verwandelt sich „Easy Flight“ in eine „Grand Hand“, Micky Kaiser singt neben Lu und George, Anja Vogel (zu dem Zeitpunkt noch keine kaiserliche) und Sabine Hempel üben sich in Harmoniegesängen und beweglicher Bühnenpräsenz. Auch hier wird deutlich, um an das große Geld zu kommen ist die Combo mit sieben Akteuren zu kopflastig. Es geht um die pure Lust an der Tonkunst. Dieser Spaß will aber irgendwann finanziert werden, hat doch, beispielsweise, Bassist Zappo Lüngen jedes Mal die weite Anreise aus Hamburg vor sich. Und zurück muss er ja auch immer wieder und irgendwie. Die Proben werden aus diesem Grund schon auf den Nachmittag vor dem abendlichen Konzert gelegt. Und wenn der Spaß an der Sache vom Ärger, der sich irgendwann ergibt, aufgehoben wird, ist es besser, Dur von Moll zu trennen.

Niemand will eine Band, die das spielt, was niemand kennt. Angesagt ist das, was Stimmung bereitet, zum Mitsingen animiert, Alkoholkonsum steigert. Letzter Versuch: George B. & the Bees. Da wird plötzlich alles besser, jobtechnisch, durch angepasstes Programm. Equals, Roy Orbison, Beatles, Stones und was sich sonst noch so gassenhauermäßig anbietet, bringt anfangs volle Häuser, die mit 100 bis 150 Rockverrückten im Durchgangsverkehr bis zum Bersten gefüllt sind. Es wird getourt bis Hamburg im Osten, Stuttgart im Süden, Essen im Westen und Speckenbüttel im Norden. Wir spielen nicht nur die Oldie Schatztruhen leer, wir entertainen, machen Sprüche, bewegen uns zur Musik, und nicht zum pas de deux eines Plattenvertrages. Wir sind ungezwungen, lernen den kleinen Erfolg zu lieben und schaffen es bis ins Mekka der Bremerhavener Live Musik Szene, das „Lili Marleen“. Hier kann eigentlich jeder spielen, Hauptsache, er nervt nicht. Die Stimmung ist grande. Als Band schreibt man sich diesen Erfolg erstmal selbst zu, bevor darauf getippt wird, dass der Alkoholkonsum für die bestechend gute Laune sorgt.

Der letzte Set steht an, alle haben den Riemen umgehängt, da schnallt unser Gitarrist wieder ab. Unsteten Schrittes schiebt er sich wortlos durch die Menge Richtung WC. Betretenes Schweigen im Publikum, verlegene Blicke des verlassenen Restes auf die alten Dielen der Bühne. Und die Peinlichkeit dauert an. Die Stimmung scheint zu kippen, das Geraune in der Menge ist konstant gewachsen, da gibt es Bravo-Rufe und vereinzeltes Klatschen, als sich unser Frontmann seinen Weg zurück bahnt. Es könnte sofort losgehen, wäre das Beste, alles wäre vergessen mit schmissiger Mucke. Im Zeitlupentempo legt er sich sein Geschirr um, tritt so nah ans Mikrofon, dass jeder das Rasseln seiner Rizla-Bronchien hören kann und beginnt: „Ich muss euch was sagen, dauert – hust – nicht lange, ist mir aber wichtig. Ich hatte eben eine spannende Sitzung mit einem Zellengenossen. Wir konnten uns – mhm – nicht sehen, waren ja die Wände dazwischen.“ Oh nein, wenn das in die Hose geht, wenn die Geschichte kein Pointe hat oder er sie nicht findet, dann Hallejulia. Das kann die Musik anschließend nicht wettmachen, egal, ob Heimspiel oder nicht. „Also, was ich sagen will, wir haben uns auch ohne Worte glänzend verstanden, womit bewiesen wäre, der gute Ton macht die Musik.“ Ein paar wenige Sekunden Totenstille überall. Jeder suchte wohl seinen eigenen Reim. Dann schallendes Gejohle, Donnerapplaus, und der Abend gerettet. Damit hätte er aber auch jedes Auswärtsspiel gewonnen.


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