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Die ersten Schritte

Es gab sicherlich diverse Gründe, weshalb ich unbedingt Schlagzeuger werden wollte. Erinnern kann ich mich nur an drei, ich liebte „Wipe Out“ (Surfaris, 1963), mir gefiel es, aus dem Hintergrund zu wirken, dennoch das Herz, der Motor einer Band zu sein, und ich hatte nie tänzerische Qualitäten, weil mir der Mut zur Ambition fehlte. Damit will ich sagen, dass ich lieber als Musiker für die Tanzenden zuständig sein wollte, vorzugsweise ein anderes Parkett nutzen. Diese Entscheidung traf ich an einem Samstagabend auf einer rauschen „Candlelight Party“ im Freizeittreff Klushof Anfang der 60er.

Mit zwei Mark bewaffnet, nicht gestyled, eher aufgehübscht und adrett, wohl riechend mit einem leichten Kernseifen-Odeurle und lockig gekämmt, einem dicken Schlüsselbund in der engen Jeans, betrete ich die „heilige Halle“, den im Dämmerdunkel gehaltenen Saal des Klushofs. Auf der Bühne eine wohl-, aber an mir vorbei klingende Vier-Mann-Combo in schwarzer Minelle, an den neuen Tischen etwa 12 Leute unnachbarlich verteilt. Ein Tisch ist noch ganz ohne Besitzer. Den visiere ich an, zumal am Tisch gegenüber ein Mädel ganz allein an einer Cola nuckelt. In den Schulstunden fleißig geübt, hier kann ich ihn an die Dame bringen, den desinteressierten Blick eines satten Bernhardiner Rüden.

Sie schaut allerdings unerwartet schmachtend zurück, und ich denke, vielleicht hat sie ja Durst, und lass ihr vom Kellner (na ja, freiwilliger Helfer) eine Flasche an den Tisch bringen. Sie prostet mir zu, und dann wieder nur verschämt züchtiger Wimpernschlag, wenn auch mit zunehmender Frequenz. Wüsste ich nicht, was ich trinke, ich glaubte, ihr Blick hätte schon zärtlichen Charakter. Mir fehlt dennoch die Traute, und ich lass ihr noch eine Cola an den Tisch bringen. Sie steht auf, kommt rüber, beugt sich tief, dass ich ihre Augen sehen kann, und fragt: „Weshalb Cola? Warum tanzt du nicht mit mir?“

Ich liebe kurze Absätze und lange Hauptsätze, erfinde eine Kurzgeschichte über mein lädiertes Knie, verursacht durch sportliche Aktivität, und sie verspricht, vorsichtig mit mir umzugehen. Die Band spielt einen ¾ Takt, ich nehme das wohl zu wörtlich und walze über sie hinweg. Nachdem ich dreimal hintereinander in kurzen Abständen so unglücklich mit meinen 47ern auf ihren zarten Ballettfüßen lande, glaube ich, es ist ihr egal wie nur was, welches Leiden ich habe, und wir sollen uns setzen, sagt sie. Muss ja nicht wieder an getrennten Tischen sein. Sie ist hübsch und riecht gut, und ich sage ihr, dass ich die Band toll finde und den Schlagzeuger kenne. Was könnte ich sonst noch spinnen, um ein Gespräch in Bahnen zu lenken, in denen ich mich wohler fühle als in der Welt des verbalen Flirtens. Sie fragt mich, ob ich sie zur Bushaltestelle bringe, sie wohne nämlich in Wulsdorf. Straße, Haus- und Telefonnummer nennt sie in einem Atemzug. Mein Kugelschreiber vergisst zu tinten, und der Zettel wellt sich in Blindenschrift. Ihr Abschiedskuss macht mich erst schwindelig, dann nachdenklich, weil ich ritterlich um weibliche Gunst kämpfen will, es nicht mag, wenn man es mir zu leicht macht, mich erobert. Als der Bus endlich vorfährt, habe ich ein Déja Vu. Es ist das Lied von Robin Gibb „Saved by the bell“ in meinem Kopf, das erst 1970 in die Radios kommt. Ich mach mich auf den Weg zurück in den Tanzsaal, warte auf die nächste Pause der Band und frage den Schlagzeuger nach der Marke seiner Sticks, als ob ich etwas davon verstünde, dann nach dem Preis seines Schlagzeugs. Ein unerfüllbarer Traum, denke ich, und erweitere meinen Geburtstagswunschzettel. Aber, ergänzt er, dieses Haus habe nicht nur einen Proberaum für Bands, da würde auch eine Schießbude stehen, die jeder nutzen dürfe, der Mitglied sei. Heimleiter Emil Oczkowski sieht die Gier nach Musik in meinen Augen, und ich lass mich registrieren. Die Wulsdorferin und ich verkehren eine Woche nur telefonisch, weil mir das Geld für den Bus zu schade ist, und Distanz wirkt auf Dauer als Liebestöter.

Ich gehe neuerdings freitags lieber zu den Disco Abenden, weil mir der DJ gestattet Platten aufzulegen, während er moderiert. Da sitze ich hoch und trocken. Ein unglaublich erregendes Machtgefühl, dass die da unten zu meiner Musik tanzen, wenn auch nur aus der Retorte. Wie wird das erst sein, wenn ich das vom Schlagzeug aus mit Paradiddles und Synkopen steuern, und auf der Tanzfläche ein kleines Chaos entstehen lassen kann?

Aber das ist eine andere Geschichte.

Laufpass Ausgabe II 2010


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