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Internett - das Fenster nach draußen

Das Internet, die Flirt- oder Kontaktbörsen wurden mein Fenster nach draußen. Mir fiel gar nicht auf, dass ich kaum noch reale Kontakte pflegte, äußerst selten unter Leute ging, und nur meine Band sah mich regelmäßig am Mittwoch zur Probe und bei den wenigen Live Konzerten. Ich war seit einem Jahr Solist, was die Vertreter des weiblichen Geschlechts an meiner Seite betraf. In meiner unmittelbaren Umgebung waren wohl die meisten über meine „Schandtaten“ und nächtlichen Exkursionen informiert. So etwas bleibt ja in einer Kleinstadt nicht aus. Um später vergleichen zu können, legte ich eine Charakterstudie anhand ihrer Profile oder persönlicher Kontakte an, eine Art Katalog wie bei Qulle oder Nuckermann.

Stutenbissigkeit ist an der Tagesordnung, und das vorwiegend unter Zicken. Also beginne ich bei der Monster-Zicke, die sich unvorstellbar deutlich von ihren Artgenossen abhebt, weil sie diesen „Titel“ so stolz vor sich her trägt wie einen Pokal, obwohl es gestern noch ein Schimpfwort war. Wo normalerweise der Charakter wohnt, hat sie eine Müllkippe. Ihr Aussehen ist meist so durchschnittlich, dass man sie in einer Disco aus Versehen zertreten würde. Im Internet aber findet sie ihr Publikum, verteilt regelmäßig und überaus zauberhaft miese Sprüche. Wehrt man sich, ist man humorlos. Sie selbst ist aber empfindlich wie eine Glühbirne. Ihre Selbstbeschreibung macht sie anhand des Alphabets. Das liest sich von A wie angeberisch bis Z wie zurück geblieben. Vom Scrollen durch die Liste ihrer negativen Eigenschaften kann man durchaus Finger-Arthrose bekommen. Dennoch hat sie Sticker und Eintragungen im Gästebuch von devoten Hündchen wie, „Klasse Profil! Du weißt, was du willst.“ oder „Tolle Frau!“. Am Ende des Tages stellt sie sich dann selbst die Frage, wieso Mr. Right noch nicht dabei war.

Dann die angebliche Karrierefrau, mit Komplexen beladen und unter dem Zwang leidend, dass Männer sie nicht ernst nehmen könnten. Typischer Spruch, wenn man sie fragt, weshalb ihre Antwort so lange gedauert hat: „Sorry, hab gerade mit den Staaten telefoniert!“

In ihrer Beschreibung sind die Worte „erfolgreich“ und „anspruchsvoll“ so sicher zu finden, wie das Amen in der Kirche. Bekommt Zuschriften von Männern, die selber gern hoch stapeln und von ihrem Top-Job bei der Bank erzählen. Sitzen in der Realität aber im Busfahrer-Sakko in der Sparkassen-Tiefgarage. Natürlich protzt sie auch mit ihrer angeblich wichtigen Tätigkeit zu erkennen. Da fallen Sätze wie: „Hab einige Leute unter mir!“ (Friedhofsgärtnerin?), oder „Ich bin in der Firma unabkömmlich!“ (wer gießt sonst die Blumen, kocht den Kaffee, tüffelt dem Chef die Tute?). Direkt anschließend der Typ 3, die Chatterin ohne eigenes Leben mit dem für sie typischen Satz:„MaleinfachvieleGrüßedalass!“ Sie hat ihr nicht vorhandenes Leben ins Netz verlagert. Zuhause freut sie sich über anonyme Anrufer, im Chat die große Nummer mit mindestens 100 Online-Freunden in Seelenverwandtschaft. Die ältere Version ist meist längst verheiratet und hat Kinder und wäre ohne Internet wohl CB Funker geworden. In der jüngeren Ausgabe meist unvermittelbar und oberflächlich ohne realen Freundeskreis. Wenn man ihr Glauben schenken darf, dann hatte sie schon eine Flatrate, als die Pyramiden noch gebaut wurden. Obwohl alle ihre Ex und ONS aus dem Netz stammen, beteuert sie ständig, „nur schreiben“ zu wollen.

Erwähnenswert ist auch die vielfach vertretene Userin, die sich mit Vorliebe feiern lässt. Gern bietet sie den Satz „Ich hab mein Schatzi schon gefunden“ an, oder „man kann sich doch auch so unterhalten“.Es gibt sie Solo und in der liierten Fassung. Ist sie in einer Beziehung, werden bedeutungslose Komplimente von Männern gern genutzt, um ihr Ego aufzupolieren, und sie „pflegt Freundschaften“. Vielleicht findet sich ja auch noch was Besseres. Die Solistin ist meist gerade von ihrem Ex abgeschossen worden und sucht hier nicht wirklich was, außer Beifall. In ihrem Profil findet man ganz sicher „Keine ONS!“ und der Hinweis auf den eventuell vorhandenen Partner steht nirgends oder dort, wo es niemand liest. Es fehlt auch nicht der Hinweis, die ganze Post "kaum beantworten zu können". Allerdings weiß doch jeder Brathahn, dass jedes Frauenprofil mit Bild mehr Post bekommt (selbst wenn sie die Nase hinten hat), als der Papst . Wenn ihr Schreibpartner unehrlich abgeschleimt hat, folgt in der elften Mail der Hinweis auf ihre glückliche Beziehung. Ich bin nun weder Frauenversteher, noch Frauenhasser noch Tiefenpsychologe, aber diese offenkundigen Profile haben sich in meinen Erfahrungswerten einen Ankerplatz gesucht. Vor fünf Jahren konnte ich diese Studie schließen, als ich meine heutige feste Freundin im Netz kennen lernte.


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