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Aktuelles

Die Zanki Tapes

Edo, Rainer, George

Nomen est Omen, mit diesem kleinen Latinum im Schädel und großen Erwartungen im Herzen, gehen wir als geschlossene Theatergruppe „Eintracht Zwietracht“, oder auch Wolfsmond, auf die Reise ins Kangaroo Studio von Edo Zanki im Badischen. Sein Name bürgt für Qualität, seine Hits in diversen Genres, hervorragend produziert, beweisen das. Endlich so etwas wie ein Lichtblick nach jahrelangen Versuchen, unsere Musik über die Grenzen Hannovers hinaus in den Süden zu schmuggeln. Der VW Bus ist eng gepackt mit vier hungrigen, aber hoffnungsvollen „gegen-den-Strom“-Kanuten, ihren Instrumenten und einem Außenborder.

Lude hat nämlich noch seinen persönlichen Coach, die von ihm angebetete Joey neben sich sitzen. Harald Konietzko, einer der großartigsten Musiker, die je meinen Weg kreuzten, ist ebenfalls neu im Boot. Leider ständig irgendwelchen Depressionen oder unkontrollierbarem Überschwang unterworfen. Verschwiegen wie ein leerer Koffer, passt er jetzt gerade wieder unter jeden Teppich, ohne eine sichtbare Delle zu hinterlassen. Die allgemeine Stimmung ist natürlich auch von Nervosität und mordsmäßigen Respekt vor dem großen Zanki geprägt. Ein mächtiger Schritt nach vorn, denken wir an vorhergegangene Alben, deren Budget solch ein Abenteuer nie gestattet hätten. Aber Charly Rothenburg vom Spiegelei-Label (Intercord, Stuttgart) ist überzeugt, dass Wolfsmond nur noch der bundesweite Stammplatz fehlt. Ich hab zum ersten Mal zwei eigene Lieder dabei, „Für mich ist es Rock ´n´ Roll“ mit der Musik von Bruder George, und „Macht´s gut, ich geh“. Lu fragt mich, was es mit dem Text der zweiten Nummer auf sich hat, und ich naive Haut sag ihm auch noch, dass es um meinen ersten Ausstieg vor zwei Jahren bei Wolfsmond geht. Wäre der Inhalt mein desolat organisierter Harem, oder irgendein verkegelter Herrenabend gewesen, es hätte super gepasst. Aber einen schlecht gestimmten Blues auf Scheibe verewigen, der einen ständig an kränkelnde Innereien des Bandgefüges erinnert?

v.l.n.r.: Lu, George, Bee, Harald

Gut, also gestrichen. Daran hab ich zu kauen, muss schlucken, und der Magen rulpst mich schwindelig. Meine Laune sinkt auf 3° unter den Gefrierpunkt. Am Reiseziel angekommen, öffnet uns Edo selbst, marschiert schnurstracks auf mich zu und sagt:“ Hallo Lude, herzlich willkommen. Schön, euch hier zu haben!“ Mich wärmt die Schamröte, nur hinter mir riecht es angebrannt. Ein verzeihlicher faux pas, der mit holprigem Gegriene bedacht wird. Nach den üblichen „Fachgesprächen“ über das allgemeine Befinden und andere Trinkgewohnheiten und Heim nebst Familie in der Heimat, kommt der Soundcheck, dann die Aufnahme Sessions. Wir sind ausreichend vorbereitet, aber Edo ist es auch und bietet andere, auf Anhieb überzeugende Ideen an. Bei „Hawaii“ setzt er sich persönlich hinter sein brandneues Sonor Hand Signature und trommelt einen Groove, dass ich spontan daran denke, mein Schlagzeug meistbietend zu verschenken. Ich soll es in etwa nachspielen, bekomme es natürlich nicht hin. Ich bin linientreuer Rock ´n´ Roller, kein hawaiianischer Maiskolben Dealer. Gut, macht nichts, außer dass mir vor Unbehagen mein eigener Schatten entgegen kommt. Der hauseigene Drummer Armin Rühl (später Grönemeyer) wird´s richten. Dementsprechend verunsichert gehe ich an die nächste Nummer, „Hoffnungskanu“, für die ein Indianer Getrommel auf den Tom Toms verlangt wird. Bin ich Sitting Bull? Nach reichlich 30 Minuten bin ich endlich exakt auf den Punkt (mein Gott, jetzt hat er´s), und in der Regie gehen die Daumen hoch.

Als Lu ein paar Testgesänge synchronisiert, erinnere ich George an den morgigen Geburtstag unseres „Chefs“, und dass ich es für eine tolle Idee halte, ihm einen Karton Wein zu schenken. Davon hätten wir alle etwas. George findet das gut. Weil der Stachel noch tief sitzt wegen meines abgelehnten Titels, suche ich einen bulgarischen Roten mit dem Prädikat „Ego Overkill“aus. Oh nein, nicht billig, lediglich völlig ungeeignet für unser Biertrinker Verhalten.Das Gelage wird zur Sülz-Orgie, die Orgie zum Desaster, und irgendwann redet niemand mehr mit niemandem. Edo macht ein Gesicht, als würde er wieder Fahndungshinweise für Karlsruhe annehmen. „Mit was für einem Kindergarten bist du da unterwegs?“ fragt er mich auf dem Weg zu seiner Wohnung. Bis in die Fußspitzen genervt, säuft der sonst vor Gelassenheit strotzende Mann den Motor seines gelben Käfers an der Ampel ab, startet immer wieder mit eingelegtem Gang, bis das Gefährt sich die Karten legt und keinen Ton mehr von sich gibt. Wir gehen zu Fuß, wortlos, der Tag wertlos. Am nächsten Morgen sind die Nebel von Karlsdorf dem Willen, etwas Erfreuliches auf Band zu bringen, gewichen. Als wir gemeinsam alle Titel abhören, kommt sogar ausgelassene Stimmung auf, und Edos Bruder Vilko, der neben seinem großartigen Gitarrenspiel das Administrative im Haus erledigt, sagt, „Für mich ist es Rock ´n ´ Roll“ sei für ihn klar die A1 (damals erste Single Auskopplung). Das denken alle, und ich schwöre mir, mich nie wieder so grausam zu rächen.

VÖ im Laufpass I 2011


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