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Sanssouci - aus alt mach sorglos jung

Als ich Manni Müller kennen lernte, mit ihm und seinen Freunden Schneemänner auf dem Vorplatz des Bahnhof Lehe rollte, war ich noch ein kleiner Pöks. Da dachte ich noch nicht an Musik, und Manni war schon ein Heldentenor und Gewinner der Sängerwettstreite bei „Seebeck am Markt“. Eines Tages verschwand er von der Bildfläche und es ging das Gerücht, er sei mit seiner 2 CV-Ente „Difty“ und seinem Freund Paul Ernst Lührs auf Weltreise. Aus den Augen aus dem Sinn. 20 Jahre später, auf den Tag genau, traf er mit 1.000 Geschichten wieder in Bremerhaven ein. Die erzählte er zur Gitarre, und die ganze Stadt hörte ihm zu.

Es geht um wie ein Lauffeuer. Im Handumdrehen erobert Manni die Bremerhavener Club-Szene mit seinem internationalen Solo-Programm. Durch seine Weltumrundung ist der Troubadour eine kleine Sensation für die Seestadt. Die Kneipen sind bei seinen Auftritten bis zum Bersten gepackt. Eines Tages kreuzt ein cleverer Bierverleger auf und bietet ihm den „Zu-spät-für´s-Huhn“ - Wienerwald in der Grazer Straße an. In den 50er und 60er Jahren ein angesagter Musik-Club mit dem sorglosen Namen „Sanssouci“. So soll er auch wieder heißen, nur viel schicker aussehen. Da ist eine kleine Bühne für Live-Musik, wie damals, nur singt der Chef hier jetzt selbst, und hinter ihm träumt ein zweimal gewürfelter Haufen aus pensionierten Abruf-Musikern. Das heißt, am Schlagzeug sitzt niemand, obwohl es bei der Eröffnung 1985 unter den Besuchern von Trommlern und anderen Musikern ein nicht übersehbares Angebot gibt. Nachdem ich mehrfach durchs Mikrofon aufgerufen wurde, denke ich, okay, ein paar Minuten halte ich schon durch.

Fünf Bier samt Wodka, schmerzfreie Genickstarre und die Angst vor ungeprobten Spielereien im Nebel abgetaucht. Bar-Musik mit Besen zu schieben ist für mich als Rock ´n´ Roller zwar nicht unbedingt ein Kracher, aber irgendwann ist immer das erste Mal, und ich bin lernfähig. Der Laden brummt, es gefällt mir, das Fieber wächst mit jeder neuen Nummer, und als der neue Morgen graut, sehe ich einem Windbeutel nach der Husumer Krabbenflaute zum Verwechseln ähnlich. Es gibt zwar keine Gage, aber gekippt habe ich bestimmt für einen Blauen, und genau den beanspruche ich als mir die Frage gestellt wird, ob ich nun zur Stammbesetzung gehören möchte. Ein mieses Stück Schießbude, aber vorsichtig behandelt klingt es immer noch eher nach Fichte-Tanne als nach Jaffa. Alles eine Frage des Geldes, denke ich, und tarne meine Zusage unter dem Motto: “Ich wollte schon immer mit Musik Bares machen, gut, dann eben Bar Musik!“ Eine ungewohnte Erfahrung. Die Jungs in meiner Rockband werfen mir Verrat vor. Einen Lachzeuger könnten sie nur schwerlich respektieren. Ich denke, was wissen die schon. Von Redundanzen im Programm umzingelt, ertappe ich mich dabei, dass ich ohne einen gewissen Pegel die Augen schlafen lasse, weil ich alles aus dem FF kenne.

Zwar wird ein Lied nie wieder so gespielt wie am Abend zuvor, diese Combo improvisiert gönnerhaft, aber die Melodie bleibt ja nun mal. Stefan an der Gitarre begleitet meisterlich nach Gehör. Otto am Klavier, talentierter Dirigent der Lokalhymne „Einer geht noch“, ist dagegen sehr emotionell unterwegs. Ein liebenswerter Kollege ohne viel Gegenwehr, mit dem Rücken zum Publikum tastend. Durch einen überdimensionalen LKW Spiegel verbunden, der ihm an das Piano geschraubt wird, verliert er den Kontakt zum Bierhahn während der Trockenzeit nicht. Die Texte seiner Oldies könnten aus einem Telefonbuch stammen, so eigen sind sie. Da sich diese Einlagen an der Gitarre aber im oberen Drittel der hauseigenen Unterhaltungs-Skala ansiedeln, sind seine phonetischen Ergüsse eher sekundär. Das setzt voraus, dass er den Weg vom Tresen wieder zurück ans Instrument findet, und das Wort „Barmusik“ nicht zu ernst nimmt.

Manni ist Entertainer, geprüfter Unterhaltungspräsident mit einem rücksichtslosen und nicht planbaren Taktgefühl. Springt er mitten im Lied aus Begeisterung hoch, landet er mit hundertprozentiger Verlässlichkeit im Gegentakt. Alles Andere wäre Zufall, also alle umsteigen. Die sich auf der Tanzfläche Windenden mit eingebügelter Schweißnote interessiert das nicht die Bohne. Sie wollen nur Spaß. Der ist großzügig bemessen und geht „aufs Haus“. Ein ausgestreckter Arm nach vorn wie ein Gewehr, drei Finger auf seine Augen mit der anderen Hand, das bedeutet: Drei Jägermeister für die Band auf Mannis Rechnung. Alles super, wären da nicht die dazugehörigen Sprüche (einer zum Aufwärmen, auf einem Bein kann man nicht stehen, dreimal ist Bremer Recht, und ab dem Vierten wird nicht mehr gezählt) und die Frauen. Der Laden ist überschüssig mit begehrenswerten Modellen, die heiß auf verschiedenste Unternehmungen sind. Und wie schnell ist nichts passiert, hat man sie sich erst einmal greifbar getrunken. Sechs Jahre später muss ich die Segel streichen. Seitdem liebt meine Freundin die Stille des Windes.


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