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Das Riverboat - das New Orleans Gefühl

Schummriges Licht, Rauchschwaden wabern über den Köpfen der Gäste, nur ganz allmählich verstummen die Gespräche. Ruhe kehrt ein, lediglich unterbrochen vom dezenten Stimmen der Instrumente auf der  Bühne. An der kleinen Theke bedient die Chefin noch den Bierhahn, stellt dem Ober die frisch gezapften „Blonden“ auf´s Tablett. Fachgespräche machen durstig in dieser, von Erwartung auf das Kommende, geschwängerten Luft. Dann lauscht auch sie dem gefühlvollen Intro des Pianisten.
Es ist nicht der „Berkshire Music Barn“ oder das „Storyville“, es ist Samstagabend im „Riverboat“ in der Stormstraße und niemand wartet hier auf Lester Young, Stan Getz oder Charlie Parker, aber für die ersten Töne von Cole Porters „All of you“ gibt es begeisterten Zwischenapplaus.

Helle Peters kommt aus Hamburg an die Weser mit einer sehenswerten Liste hochkarätiger Musiker im Gepäck, und dem Traum, hier in Bremerhaven eine Live Musikkneipe zu eröffnen, von denen es in Hamburg derzeit an jeder Straßenecke zwei gibt.
Vielleicht fünf Minuten zu Fuß vom „Chico´s“ in Richtung Hafenstrasse finden er und seine Frau Helga in der Stormstrasse die Räumlichkeiten, die sie suchen.
Am 06. Februar 1971 laden er und Helga zum ersten Mal in die Musikkneipe, die von nun an drei Tage in der Woche ihre Türen öffnet. Mittwochs, dem „Bier-Mark-Tag“ (ein Bier nur DM 1.-), und samstags geben sich hier diverse Musikrichtungen ein Stelldichein. Freitags, dem „Whisky-Mark-Tag“, bieten die Inhaber Musik aus der Konserve, was jedoch dem Publikumszuspruch keinen Abbruch tut.  
Das „Riverboat“, eine jazzfeste Institution in den 70ern in Bremerhaven, ein Garant für Live Musik auf hohem Niveau in einer unglaublichen Atmosphäre. Musiker, die aus allen Teilen der Republik, teilweise sogar aus dem Ausland kommen, geben sich hier ein Stelldichein. Aber auch solche, die man beim Einkauf mit ihren Frauen im Supermarkt oder einfach so auf der Straße trifft, Musiker, die tagsüber einem geregelten Beruf nachgehen und am Wochenende in eine andere Haut schlüpfen, um vor einem dankbaren, aber auch kritischen Publikum zu spielen, eben Musiker zum Anfassen. Und von diesen Talenten hat Bremerhaven schon in den späten 40ern einige viele zu bieten, die sich hier noch einmal bei Sessions ein Stelldichein geben.
In den ersten Tagen ist es dann auch Chef Helle Peters (Schlagzeug) selbst, der Bremerhavener Größen wie Peter Rabin (Bass), Günter Delle (Klavier, Akkordeon) und Harry Habla um sich gruppiert. Ein Höhepunkt ist zweifellos jedes Konzert der „Bourbon Skiffle Group“ (HH), aber auch die „Hottest Men In Town“ (Brhvn) sorgen dafür, dass der Laden aus allen Nähten platzt.

Helle und seine Band

Ob Bebop, Cool oder Progressive Jazz, kurz „modern“ genannt, oder New Orleans-Jazz und Dixieland, ebenso wie die verschiedenen Formen des „Swing“, den man zwischen den beiden
Stilrichtungen nennen müsste, aber auch Otto Waalkes, Mike Krüger oder Ingo Insterburg mit Karl Dall oder Rock Jam Sessions ortsansässiger Musiker, werden hier jedes Mal von einem begeisterten Publikum aufgenommen.
Die Bands kommen aus Hamburg, aus dem nahem Ausland, wie z.B. Monty Sunshine aus England, der seinen Musikern den Genuss von Alkohol vor dem Auftritt strengstens untersagt. Was aber tun wenn die Lippen sprödeln, und bei jedem Wort eine kleine Staubwolke aus dem Hals will, wie dieses strenge Verbot umgehen?
Hinter dem Biertresen ist ein Vorhang, und hinter dem Vorhang steht ein kleiner Tisch, den die Jungs sich mit Whisky und anderen flüssigen Leckereien decken.
In der ersten Pause verschwindet ein Bandmitglied nach dem anderen klammheimlich hinter dem Vorhang, ohne dass Monty etwas merkt. Erst als er den zweiten Set mit seinen Kollegen besprechen will und sie nicht findet, fragt er Helga. Die bekommt plötzlich einen Stoß von hinten durch den Vorhang: “Please, don´t tell him!“ Spontan erfindet sie die Geschichte, dass alle auf der Straße stehen, um frische Luft zu schnappen.
Monty also nach draußen, die Jungs hinter´m Vorhang raus auf die Bühne als sei nichts gewesen. Ihr Chef, der aufgrund der Vollheit im Laden fünf Minuten braucht, um wieder in die Nähe der Bühne zu kommen, hat einen Gesichtsausdruck, als er die gesamte Combo auf der Bühne versammelt sieht, der ihn den ganzen Abend nicht mehr verlässt.
So hat jeder Abend im „Riverboat“ eine kleine Geschichte zu erzählen, wenn auch der Gast sie gar nicht immer mitbekommt. Dafür aber Helle, der es nicht glauben kann als der Roadie der „Preservation Hall Jazzband“ aus New Orleans schon am frühen Nachmittag in den Laden kommt, um das Schlagzeug der Band aufzubauen. Das erweckt den Eindruck als würde es nur noch von der Holzlasur zusammengehalten. Daneben stellt er den Kontrabass, der ebenfalls das Gefühl vermittelt als habe er 80 Jahre Bühnenerfahrung. Um 20:00 Uhr, die Gäste im Laden machen ein Umfallen unmöglich, ist aber noch niemand von der Band zu sehen.
Dann aber kommen sie! Oder sind sie es doch nicht? Helga hat jedenfalls im Hotel angerufen und die Herren sind ihr avisiert worden.
Wie eine Wanderdüne im seichten Abendwind bewegt sich ein Tross aus Urgestein auf die Bühne zu. Das ist die Band, die meisten Musiker so alt, dass sie nicht ohne fremde Hilfe auf die Bühne, nicht ohne die starke Hand des Roadies auf ihren Stuhl kommen.
Spätestens jetzt fragt sich jeder im „Riverboat“, wie wollen diese Herren den Abend überstehen?
Der Frage ist noch nicht ganz zu Ende gedacht, da tritt der Posaunist die Band an, und mit einem Schlag befindet sich aber auch jeder im Laden inmitten einer akustischen Fata Morgana, dem alten „Storyville“.
Ende 1977 wird das Riverboat in der Stormstraße geschlossen, um im neu eröffneten Columbuscenter im Frühjahr 1978 Einzug zu halten. Wenige Jahre später wird auch da für immer der Strom für Live Musik abgedreht.


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