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Die Waldschenke - bürgerlich bis rockig

Idylle in Fülle 1968

Es ist Samstag, 17:45 Uhr. Die Musiker sitzen irgendwo im Haus und schlürfen genüßlich an ihrer Tasse Kaffee oder lassen schon mal die Luft aus dem ersten Glas Bier.
Auf der Bühne hantiert der Roadie mit der Anlage laut Bühnenanweisung der Band.
Das Schlagzeug in die Mitte, den Gitarrenamp nach rechts, den Bass Verstärker auf die Box und dann nach links, eigentlich so wie immer.
An diesem Tag ist der Techniker kein erprobter Kabelverleger, nur ein guter Freund der Band. Ihm fehlt noch das Know How, der gute Wille allein reicht nicht aus, um die, für damalige Verhältnisse recht teure, Anlage anzuschließen.
So schiebt er denn den Bananenstecker der B 80, für den Laien von den Lautsprechersteckern kaum zu unterscheiden, statt in den Bass King Verstärker in die Steckdose. Es macht einmal „Buff“ und die beiden Speaker legen sich die Karten, optisch nur wahrnehmbar durch die kurz flatternden Hosenbeine des Bassisten Mick Kaiser, der leider einen Tick zu spät kommt, um das Debakel zu verhindern.

So geschehen zwei Stunden vor dem Debüt Konzert der Just Us - Neubesetzung als Trio in der „Waldschenke“ im Bürgerpark beim „Réunion“ der Geschwister-Scholl-Schule am 28. November  1969. Scheitert die Besetzung um Stephan Remmler noch an dem Versuch, nur ungewöhnliches oder eigenes Material zu bringen, so registrieren die Kenner im Publikum in der „Waldschenke“, dass die neuen Just Us mit Kralle Krawinkel, Micky Kaiser und George B. Miller eine bislang unbekannt hohe Musikalität ausstrahlen.  
Der Name des liebenswerten Technikers, der sich inzwischen zu einer begehrten Fachkraft weiterentwickelt hat, soll hier nicht erwähnt werden.

Anfang der 50er Jahre ist die "Waldschenke" für Rockkonzerte allerdings noch Niemandsland. Das Haus dient den amerikanischen Besatzern als Offiziers-Kasino und ist für die Öffentlichkeit gar nicht frei gegeben. Draußen, im Bürgerpark, ragt ein Gebilde gen Himmel, das gar nicht so recht zur Landschaft passen will, der Sendemast des U.S. Soldatensenders AFN.
Am 9. Oktober 1954 übernehmen Hans Böttcher und seine Familie die von der Stadt renovierte "Waldschenke" und führen sie mit Liebe und einem breit gefächerten Programm. Familienfeiern, Hochzeiten, Betriebs- oder Richtfeste sorgen dafür, dass der Saal permanent genutzt wird und das Haus immer voll ist.
Hauskapelle ist die "Schwarze 4" mit Charly Seifert an der Gitarre, Axel Pollmann an den Tasten, Klaus Jelsch am Bass und Jürgen Sengstaken am Schlagzeug,  die zuvor in der "Seelust" Bederkesa jedes Wochenende und bei Feierlichkeiten zum Tanz aufspielt.
Kann sein, dass sich genau hier die Tochter des Hauses, Margret Böttcher, in den Schlagzeuger Jürgen Sengstaken verliebt und ihn später heiratet.
Die Beliebtheit der "Waldschenke" steigt stetig, und es liegt nicht nur daran, dass für die Kinder zu Ostern auf der Spielwiese Eier versteckt oder eine der ersten Minigolfanlagen installiert werden. Das abwechslungsreiche Programm bietet etwas für jedermann, und im Gästebuch findet man Namen wie Addi Münster, die drei „Peheiros“, Angèle Durand, Lou van Burg, Trude Herr und viele, viele mehr.

1960 gründen der Sohn des Hauses, Ulrich Böttcher, und sein enger Freund "Snuffy" Fechner den ersten Teenager Twen Club (TTC). Da ist High Life zu den Klängen einer Wurlitzer Musikbox angesagt. Einmal wöchentlich, jeden Mittwoch, schwingen im oberen Saal ca. 100 junge Leute das Tanzbein, plaudern über die Penne, prahlen mit ihrem ersten Kuss oder fachsimpeln über gesammelte Erfahrungen an der Uni.

Und bei jedem Treffen werden es mehr, so dass die Initiatoren sich 1964 dazu entschließen, eine Live Band in die "Waldschenke" zu holen, die schon seit Monaten auf der anderen We- serseite für Furore und volle Häuser ein Garant ist, Stephan Remmler und seine "Macbeats".
Es ist der erste Versuch eine Rockveranstaltung durchzuziehen, und tatsächlich kommen nur 210 Leute, um die "Rolling Stones" der norddeutschen Tiefebene zu sehen und zu hören.
Deshalb entschließt sich der Chef des Hauses zur nächsten Veranstaltung preiswertere Bands, wie z.B. die "Tombstones" oder die "Untouchable Group" einzuladen. Seine Worte: "Die kosten nicht so viel und machen aber genauso viel Krach!" Es scheint allerdings als hätte er mit Zitronen gehandelt; denn nicht mehr als 60 Rockfans verlieren sich in dem großen Saal.
1966 allerdings haben die Mannen um Stephan Remmler eine Popularität erreicht, an der auch die Familie Böttcher nicht vorbeikommt. Erneut werden die "Just Us the Macbeats", allerdings in neuer Besetzung, verpflichtet. Diesmal ist das Haus bis auf den letzten Platz ausgebucht, mit 700 Fans fast überfüllt. Diese Besucherzahl wird bei ähnlichen Veranstaltungen nie wieder erreicht.

Während im "Dressler Hof" in der Langen Straße der angesagte "Tanz-Wrangel" abläuft, oder das Ruderhaus an der Geeste beim "Fortnight Dance" aus allen Angeln bricht, Bernhard Tschöpes "dance 69" in Nordenham für überfüllte Weserfähren sorgt - das Flair in der "Waldschenke" ist ein ganz anderes.
Hierher begleiten auch schon mal Mama oder Papa, oder beide zusammen, ihren Spross zum Beatkonzert in gediegener Atmosphäre. Immerhin müssen einige erst einmal eine 15 minütige Wanderung von der Bushaltestelle durch den Bürgerpark absolvieren, wollen sie vom Asphalt auf den Parkettboden zu ihren Lieblingen. Ein eigenes Auto haben zu der Zeit die wenigsten.

Das Parkhotel im Jahre 1998

Doch dann kommt die Zeit des Umschwungs. Weshalb die Besucher nicht mehr so zahlreich erscheinen weiß eigentlich niemand so genau. Jedenfalls es läuft nichts mehr, wie man so schön sagt, und es werden keine Bands mehr gebucht.
Mitte der 70er Jahre heißt der Chef des Hauses Fred Dieckell. Statt Rock und Beat stehen jetzt Seminare, Tagungen und andere Geräusche im Terminkalender der "Waldschenke", die jetzt mehr unter dem Namen "Parkhotel" gehandelt wird.
Einer fühlt sich dort immer besonders wohl wenn er von seinen unzähligen Touren durch die Rockwelt wieder einmal in seine Heimatstadt kommt, Stephan Remmler ist der "Waldschenke" treu geblieben.
Sollte er allerdings in diesen Tagen einen kurzen Abstecher in die Seestadt machen, um sich und seine Reisetasche in gewohnter Umgebung abzulegen, so wird er feststellen, dass an gleicher Stelle inzwischen ein Seniorenwohnheim gewachsen ist, in dem er sich wohl nur schwer zurecht finden würde.


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