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Roxy - Atlantic - Stelldichein - die Live Musikkneipen der 50er, 60er und 70er

Es gab Bars in der Stadt, die holten fast jeden Abend neue Künstler auf ihre Bühnen, andere engagierten Bands gleich für einen ganzen Monat oder länger. Zu diesen Clubs zählte die „Roxy Bar“ in der Fährstraße, deren Inhaber schnell begriffen hatte, dass englischsprachige Bands es mit einem vorwiegend amerikanischen Publikum wesentlich leichter haben würden, zumal die in der Karl-Schurtz-Kaserne stationierten Amerikaner, wie auch die aus der Kaserne in Garlstedt, nicht nur an den Wochenenden Ausgang hatten.

In den 50ern ist das "Stelldichein" in der Claussenstraße gegenüber der amerikanischen "PX" (Shopping Center nur für amerikanische Soldaten und ihre Familien) "nur" eine normale Kneipe mit einer Jukebox, aber zu jeder Tageszeit bestens gefüllt.
Den G.I.s fällt es schwer, den Namen der Bierschwemme korrekt auszusprechen. Die Einen nennen es "Slezies" und Andere wiederum "Steltz´s".
Die deutschen Gäste drücken Peter Kraus auf der Musikbox, die Amerikaner ihren Hero Elvis Presley. Letztlich völlig egal, Hauptsache tanzbar, und dann geht´s ab auf die Tanzfläche, die eigentlich gar keine ist.
So mag es gekommen sein, dass die Chefin die hinteren Räumlichkeiten umbaute, eine verschwindend kleine Bühne in die Ecke setzte, und fortan bestand die Möglichkeit, sich von Live Musik dicht dröhnen zu lassen.
Als absolute Favoriten in den Tagen erwiesen sich "Bo Kelly Legend", aber auch Bremerhavener Nachwuchstalente bekamen ihre Chance.

JOHN PAGE BAND

Ende der 60er sind es noch die Indonesier mit ihrem eigentümlichen Gitarrenstil, absolute Favoriten und „Frankie and his Spiders“ fast Hausband in der "Roxy Bar" in der Fährstraße. Das ändert sich 1970 schlagartig. Eine bereits gebuchte indonesische Band muss absagen, und der Agent für Gonschors Club bemüht sich um Ersatz, indem er aus England „Dogsbody“ anrollen lässt, aus deutschen Landen „Black Water Park“, und aus Wales „Iona“, die wenig später erfolgreiche Alben unter dem Namen „Lone Star“ in ihrer Heimat veröffentlichen. Einer ihrer Gitarristen trumpft später bei „UFO“ auf. In den damaligen Tagen absolut schon Usus, dass einheimische Musiker, frisch aus irgendwelchen Freizeitheimen, hier auf die Bühne gehen, um eine „Einlage“ zu geben, Erfahrungen sammeln in dem sie sich einem Publikum präsentieren. Den Bremerhavenern wohl immer noch bestens bekannt, die „John Page Band“, die es immerhin auf fast 1 ½ Jahre am Stück auf ein und derselben Bühne bringt, indem sie immer wieder von der Insel auf´s Festland und zurück tourt weil sie anfangs keine Bleibe in der Stadt haben. In der Woche sind es „nur“ ca. vier Stunden Spielzeit für eine Band, an den Wochenende dann allerdings doch schon acht, und nur einen Tag frei in der Woche für die Musiker. So kann sich eigentlich jeder ausrechnen, dass es nicht sonderlich lukrativ für die Band ist, zumal die Musiker ihre Reisekosten auch noch selbst tragen müssen. Was liegt also näher, als nach Bremerhaven umzusiedeln. Letztlich langen diese Pauschalgagen aber dann doch nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, und einen Job zu finden ist so gut wie aussichtslos. Es dauert dann auch nicht lange und die Geschäftsleitung der „Roxy Bar“ passt sich den Gegebenheiten der Szene an und stellt sich von Live Musik auf Diskothekenbetrieb um.

Da kommt 1973 der „John Page Band“ der Zufall zu Hilfe. Herrmann Müller, Chef der gleich nebenan gelegenen „Atlantic Bar“, engagiert die Band für sechs Abende in der Woche. Da er früher bei der Marine gedient hat, besteht immer noch der beste Kontakt zu der Marineortungsschule, die ja nur ein paar Straßen weiter über die alte Geestebrücke liegt. Und die Bude brummt. An den Wochenenden bemühen sich die Musiker teilweise bis 4 Uhr morgens, die Gäste bei guter Laune zu halten. Allerdings können solche Strapazen eine Band auch zur Aufgabe zwingen. Neben Drummer Phil Cartwright bleibt nur noch Bassist Keith Stevenson von der „John Page Band“ in der Seestadt. Keith hat Glück, dass eine englische Band namens „Ramrod“, die gerade in Italien getourt hat, einen Job wie auch einen Bassisten sucht. Mit dieser Band gehen die Besucherzahlen in der „Atlantic Bar“ noch einmal steil nach oben. Aber nach einem Jahr verabschiedet sich „Ramrod“, und Müller fragt den zurück gebliebenen Keith, der inzwischen als Kellner bei ihm arbeitet, ob der nicht eine Band weiß oder eventuell selbst eine zusammenstellen kann.

RAMROD

Keith erinnert sich an alte Kollegen in England, schreibt sie an, und bekommt begeisterte Reaktionen. Aber wie soll ein gemeinsames Programm zustande bekommen? Also werden erst einmal Tonbänder hin- und hergeschickt, bis das Repertoire steht. Der erste Abend wird eine lange Nacht. Inzwischen finden sich auch mehr und mehr Bremerhavener Musiker zu Sessions ein. Ende 1978, wie das oft so ist, übergibt Herrmann Müller die Bar mit der besten Bilanz an Manfred Koch. Die Band „Koppa“ rockte sich das Herz aus dem Leibe, der Laden  platzt aus allen Nähten, alle sind es zufrieden, Inhaber, Band, und auch die Gäste.

KOPPA

1980 ist dann Schluss mit lustig. „Koppa“ löst sich auf, der Club wechselt noch zweimal den Besitzer. Aber gegen die neue „Szene“, die sich da in der Kneipenmeile der „Alten Bürger“ entwickelt, kann keiner der Eigner ein erfolgreiches Konzept entwickeln. 1982 wird die „Atlantic Bar“ geschlossen.
Keith Stevenson, seit zwei Jahren als LKW Fahrer unterwegs, wird dann eines Tages von einem Bekannten angesprochen, der seine Musikerlaufbahn verfolgt hat. Der bietet ihm an, als gleichberechtigte Partner, die Bar wieder zu eröffnen. Es braucht nicht lange, und das Geschäft ist perfekt. Keith holt sich für den Neubeginn wieder seine alten Genossen, und im Laufe der Zeit treten dann auch Bremerhavener Bands wie „Silverstones“, „Latest News“ und „Rampage“ dort auf. Aber der Weg zum Erfolg ist steinig, und so kommt es zur Trennung der Partner, Keith führt den Laden allein weiter. Und wieder hat er Glück. Durch Zufall finden einige Soldaten der „Air Force“ den Weg in die Musikerkneipe, die Band spielt gerade, der Rock rollt, die beste Reklame. Durch Mundpropaganda ist in der Woche gut zu tun, an den Wochenenden kann in der Fülle niemand mehr umfallen. Keith muss sich nicht mehr um Bands kümmern, die rennen ihm inzwischen die Bude ein, und auch namhafte Gruppen wie die „Muff Potter Band“, „Input“ oder auch die „Black Beats“ geben sich die Ehre. Allerdings ist Keith clever genug, nicht jeden Abend Gruppen mit Gagenforderungen spielen zu lassen. Er gründet das Trio „Roadhouse“ mit dem Bremerhavener Schlagzeuger Jürgen Rackuhr, und auch seine angekündigten Sessions werden immer beliebter.

Der Anfang des Endes ist dann allerdings ein Faktor, dessen Ausmaß auch Keith nicht vorhersagen kann. Die Amerikaner verlassen Deutschland. Das treibt viele Kneipen und Clubs zur Aufgabe. Sie machen dicht. Die „Atlantic Bar“ öffnet am 30. April 1991 zum letzten Mal ihre Türen.


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