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Aktuelles

Cracker Jack

Der 30. September 1970 beendet meine Bodenpersonal-Karriere nach erfolgreich absolvierter Kommisszeit bei der Luftwaffe in Oldenburg. Ich hab mich verpflichtet, nicht mehr darüber zu sagen. Dafür folgend ein weiteres Kapitel aus meinem Zyklus: „Überflieger – gibt es ein Leben nach dem Frühstück?“.

15 Monate verplempert, die ungefähr so spannend verliefen, als hätte ich einem Auto beim Rosten zugeschaut.
Die Bremer „Happy Times“ heuern mich an, da habe ich die schmucke, blaue Uniform noch nicht einmal an den Haken gehängt. Fünf liebenswerte und edle Recken, die sich in ihrer Freizeit mit selektiver und gehobener Pop Musik beschäftigen

Sie sind musikalisch das Beste, das mir Anfang der 70er unter die Stöcke kommt. Aber liebenswert will ich nicht, nett versteh ich nicht, und Rock n Roll schreibe ich zu der Zeit noch anders. „It´s good to be bad”!
Während der Woche bin ich Herr über Versandkartons und drei Mitarbeiter in einer Bremer Druckerei.
Um meine Miete zahlen zu können, reite ich nachts, zusätzlich zum Lageristenjob in einer Druckerei, das angepfiffene Programm in der “Lila Eule”  rauf und runter, über der ich ein Betonzimmer-Apartment bewohne.
Drei Monate später werde ich gefeuert weil ich zu freundlich mit meinem Personal umgehe und zu lange und zu oft mit dem Gabelstapler durch die Gänge rausche.

Eines Abends taucht plötzlich der einstige „Black Star“ Heiner König aus Bremerhaven vor meinen Plattentellern auf, begleitet von einem Schatten, dem als Gartenwächter nur noch die rote Zipfelmütze fehlt.
Ich habe gelernt, vor Kleinwüchsigen großen Respekt zu haben. Wen ich aber nicht sehen kann, den kann ich nicht sehen, und mit dem kann ich auch nicht sprechen.
Erfreulicherweise redet nur Heiner, das aber ohne zu atmen. Die „Snobs“ werden den Begriff „Gleisbau“ neu definieren, versucht er mich zu begeistern, und der Kreis um Bremerhaven soll durch sie auf die Landkarte kommen. Von der Tanzfläche beschweren sich ca. 30 Augenpaare. Ich hab vergessen nachzulegen. Keine Mucke, keine Bewegung.  
Ich wittere Abwechslung, träume von Flucht aus der konservativen Landeshauptstadt, denke an finanzielle Spannung für meine 5-taschige Jeans, steige ein in den Top 40 Western-Express der Überland-Cowboys.
Aus einer Nyltest-Combo wird das spitzenmäßig gestylte Pop Quartett „Cracker Jack“, das, neben einer erkennbaren Musikalität, durch ihr Outfit und ihre „englische“ Performance, andere Landkreismatadoren zu zusätzlichen Proben zwingt.

Von den Kollegen lerne ich, nur den blassen und bebrillten Mädchen zuzublinzeln. Das seien die dankbarsten, sagen sie, die immer wiederkommen und wallende Stimmung verbreiten.
Wo Mädels sind, da kommen auch die Jungs.
Eine Philosophie, der ich nicht widersprechen mag.
Trotz komplett ausgebuchtem Wochenendwahnsinn, wir nehmen uns die Muße und arbeiten an eigenem Material.
Aus butterweicher Feder entsteht die Schnulzolette „Susann Chérie“, angeschoben durch Stephan Remmlers Zutaten, produziert von Hamburgs Erfolgstrainer im Schlagerzirkus, Georg Moslehner, geht in die Radio Charts, beschert einen 1.Platz in „Papa Bully´s“ nationaler Top Ten in Hagen. Wir geben Kniegas, bum, bum, Tendenz und Pegel steigend. Erfolg macht lustig. In jeder Tanzpause müssen wir schlucken wie die Spechte. Unsere Fans mögen nicht allein trinken. Uns kann man anfassen, wir sind Spaßvögel und keine Party Pooper.
Der Landkreis wird zu eng, zumal sich da auch noch Spitzencombos wie „Golden Chains“, „Kentucky“ und die unvergessenen „Moonshots“ mit Kuddl an der Geige tummeln, die sich nicht freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen.

Ab geht´s in die gesamte Republik. Als gefeierte Vollplayback Entertainer auf Promi Partys verbreiten wir Starflair, kommen als Letzte, gehen als Erste. Ich gehe als Erster mit einem Label irgendeiner Whiskysorte auf der Stirn. Flasche leer. Hamburg und die „Rattles“ warten auf mich, sagt Bruder George, und vielleicht noch mehr.

 

veröffentlicht im LAUFPASS 13, August 2007


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