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Desperado

Es hätte ein gemütlicher Abend werden können. Der Fernseher lieferte schneefreie Bilder, die Snacks auf dem Tisch würden jedem Party Service feuchte Augen bescheren, Kerzen ließen Schiffe in Bordeauxfarben an der Decke segeln, meine Freundin schmuste Kuschelrock in meinem Arm, und alles um 22:13 Uhr an einem stinknormalen Montag.

Die Sturmwarnung der Wohnungstürklingel reißt uns aus der Stimmung. „Is´ Schorsch da?“ An der Stimme erkenn ich die Figur, dem als Gartenwächter nur noch die rote Zipfelmütze fehlt.
Wie zum Teufel hat er mich hier gefunden? Diese Adresse kennen nur drei Freunde.
Egal, ich mache gute Miene zum lausigen Spiel, biete ihm und seiner Gitarre einen Platz an. Am Bordeaux bedient er sich selbst mit meinem Glas und legt sofort los.
„Schreib mir einen Text drauf“, summt er zu seiner Melodie, deren bemerkenswerter Ohrwurmcharakter meine Membran vor einem Bluterguss durch stimmliche Inkompatibilität bewahrt.
Ich denke, je eher daran, desto schneller wieder im Land der feuchten Küsse.                      
Und ich schreibe, und er spielt, und plötzlich passt alles, ohne, dass ich es ändern kann.
Wir singen „Colorado“ ein paar Mal zweistimmig, er greift sich mein Telefon, ruft einen Verleger in Hamburg an, mit dem er sich duzt, was mich mordsmäßig beeindruckt, und macht ein 8 Uhr Date für den nächsten Morgen. Ich fahr Sozius in seinem Lambrusco Porsche.

Der Mann auf der Leiter nach oben, noch mit dem Pinseln seiner Verlagswände beschäftigt, ist aus dem Häuschen, organisiert ein Multitalent für Klavier, Bass und E-Gitarre, und ein paar Biere später ist die Nummer im Kasten. Wir übernachten in seinem großzügigen Haus, philosophieren über Hit oder Niete, träumen von klimatischer Veränderung auf den Bahamas, machen kein Auge zu.
Die neunte Stunde des folgenden Tages sitzen wir im Büro eines Talentschmiedes der Phonogram ab, der allerdings für das Ja oder Nein die Stimmen seiner Kollegen benötigt.
Das kommt exakt eine Woche später und ist eindeutig negativ.
Ich fühle meine Ohren auf den Stoppeln der Auslegeware schleifen, mein Kinn in ihrer Nähe.
Es gibt jedenfalls keinen Anlass „B“ zu sagen, wenn „A“ schon verkehrt ist.
Drei Monate später der Anruf, der mir sofort wieder dieses Kribbeln im Magen verschafft, das mir sonst nur meine Freundin so originell besorgt. Michael Holm, gerade durch seinen letzten Flop stolzer Besitzer der „Goldenen Zitrone“ geworden, rein zufällig bei unserem Verleger aufgetaucht, interessiert sich für unser Lied, möchte es aufnehmen, wenn er das zu seinen Bedingungen darf. Also, eine reine Rechenaufgabe, die wir in 15 Minuten im Verlag lösen.

Holm ändert die Überschrift, produziert neu und geht mit „Desperado“ in D. T. Heck´s ZDF Hitparade von Null auf Platz drei, dann zwei, dann eins, dann unsers. Ich rieche klingende Zukunft. Mag Mammonium auch schnöde sein, stinken tut es nicht.
Prima Stundenlohn, alles für nur eine Stunde texten und einen versauten Kuschelabend. So kann es immer weitergehen, kuscheln kann ich auch dienstags, denke ich mir. Tut es aber nicht. Irgendwer hat eine Abmachung nicht eingehalten, den Titel mit einem anderen Künstler gecovert, der bringt 35.000 Exemplare an den Mann, die nun dem Michael an seiner 100.000er Marke fehlen. Seine Tränen lügen nicht. Er glaubt fest an die Schuld der Autoren und des Verlegers, ist stinksauer und für eine Fortsetzung nicht mehr ansprechbar. Ich versteh nur Bahnhof in einem böhmischen Dorf und nehme den nächsten Zug nach Hit(t)feld, Station „Wolfsmond“.
In meinem Jahreshoroskop steht eh: Sag den Problemen, du kommst nach dem Frühstück. Sie brauchen aber nicht auf dich zu warten. Noch hast du bessere Sorgen.

 

veröffentlicht im LAUFPASS 11, Februar 2007


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