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Aktuelles

Keiner kann was dafür

Zum Fleiß des Tüchtigen kommt häufig das Glück durch die angelehnte Tür, und wir erhalten als „Wolfsmond“ das Angebot der Bundesfilmpreisträgerin Uschi Reich für „Das Kleine Fernsehspiel“ im ZDF die Filmmusik einzuspielen, selbst in dem Streifen mitzuwirken.

Ist die Gage auch dünn, unsere Wünsche sind es nicht. Wir sehen unsere Chance in einer Live Performance, den Namen der Band in Leuchtbuchstaben, und die der einzelnen Musiker im Abspann aufgeführt. Wenn von vier Millionen Zuschauern nur 100.000 unsere Platte kaufen würden, wären wir automatisch in den Charts. Das klingt realistisch.
Bis zum Durchbiegen der Achsen mit burschikosem Optimismus bepackt fahren wir uns nach München.
Der Film hat sozialkritische Aspekte, drei Hauptdarsteller (Herr Fitz ist u.a. heute Tatort- Kommissar in Austria), die in sich Jugendarbeitslosigkeit verspielen, somit nichts Lustiges. Vielleicht hat man uns deshalb eingeladen. Musiker sind ja häufig witzig, exotisch, und in ihrer ureigenen Sprache für Außenstehende zuweilen absolut unverständlich.

Also übe ich den John Wayne Gang, ein Anderer streicht über seinen Oberlippenbart wie einst Clark Gable, und Einer fragt nach, ob es ein Farbfilm werden wird und befingert sich mit schwarzer Schuhwichse, um sich noch mehr zu beschatten. Ich glaube, wir legten uns alle was in´s Gesicht, damit man nicht jeden Pickel sofort sehen konnte. Und der, der immer nur an´s Geschäft denkt, versucht in seinem Kopf die Verkaufszahlen abgesetzter LPs unter Kontrolle zu bringen und vergisst dabei, sich zu verändern. Im Grunde rechnet jeder, hier der Autor, da der Co-Autor, nur ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Ich besitze keine Anteile an den Verkäufen. Es schmerzt mich nicht wirklich weil alles neu und spannend ist. Aber ich denke immer häufiger ernsthaft darüber nach, eigene Titel zu schreiben.
Wir tauschen Rollen weil es zwei Gleichnamige mit verschieden auslegbaren Prioritäten unter uns gibt. Meine längste Szene hat volle 12 Sekunden, und ich bemühe mich redlich, sie auf 15 zu erweitern, in der Hoffnung, niemand wird es bemerken.

„Ok, Jungs, hört zu“, sagt die Regisseurin, „zuerst macht ihr aus diesem Hotelzimmer ne professionelle Muckerbude, schafft Unordnung. Jedes Mal, wenn die Kamera in´s Zimmer kommt, wiederholt ihr immer wieder das, was ihr gerade getan habt. Wir werden mehrere „Takes“ machen, bevor die Szene im Kasten ist.“
Am Hotelzimmer müssen wir nicht viel ändern. Es vermittelt eh schon den Eindruck, dass wir weniger Angst vor asthmatischen Flöhen haben müssen, als nachts rechtzeitig die Beine hochzubekommen, um die Ratten drunter durch zu lassen. Wir nehmen Whisky statt gleichfarbigen Tee. Unser Gitarrist sitzt kerzengerade und geschniegelt auf der Couch, setzt gerade sein Glas an, leert es auf einen Zug, als die Kamera das erste Mal um die Ecke schießt.
Bei der fünften Wiederholung liegt er flach, vergisst seinen einzigen einstudierten Satz weil er sich pedantisch an die Weisung der Filmemacherin gehalten hat. Ich trage das Peter Freundsche Bremerhaven 96 Flutlichttrikot in weinrot, um überregional Werbung für meinen Lieblingsfußball Club zu machen, und um in der Heimatstadt für zusätzlichen Gesprächsstoff zu sorgen. Es gibt aber nirgends Flutlicht im Zimmer, und wenn´s draußen zu dunkel wird, drehen sie am Tag für Nacht. So nennen sie es.
Trotzdem verbiege ich meinen Oberkörper immer so, dass die „96“ gut zu sehen ist, und stehe am zweiten Drehtag kurz vor einer Bauchmuskelzerrung.

Nach der Schwere solcher Drehmomente kommt die Leichtigkeit des Seins in der Nobeldisco „Sugarshack“, in die man nur mit Referenzen per Guckloch hineinkommt, die wir noch nicht haben. Der Produzent besitzt sie.
Wir übersehen die horrenden Getränkepreise weil wir ja eingeladen sind, unsere Augen sich auf einen völlig desolaten Udo Lindenberg neben einem lallenden Ilja Richter einschießen. Welch schmusiger Blickfang.
Feiernde Blitzer in pragmatischer Nehmerlaune.
Auf der stattlichen Treppe zum Klo schlängelt sich ein stufenloser Stau von  „Schneemännern“ und Vertretern des weiblichen Geschlechts, die da in der Hitze der Nacht, der Sucht ergeben, brabbelnd vor sich hinschmelzen.
Ich habe bis dato soviel über die verheerenden Auswirkungen von Rauchen, Trinken, Drogen und Sex gelesen, dass ich in dem Moment beschließe, sofort mit dem Lesen aufzuhören.
Die Plattenfirma verpennt die TV Premiere und presst nicht eine Rille nach.
Vielleicht im nächsten Jahr wenn der Film noch einmal gezeigt werden soll.
Ich schalte den Fernseher aus und besetze meine eigene Toilette.
So lange kann ich nicht warten.

 

veröffentlicht im LAUFPASS


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