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Aktuelles

Fast ohne Musik

Jetzt, nach meinem 60. Jahrestag, kann ich sagen, der größte Teil meines Lebens verlief musikalisch. Bei der Geburt, wie man mir sagte, soll mein „hohes C“ nach dem Klaps auf den Po schon so markant gewesen sein, dass meine Mutter das Schlimmste befürchtete.

Mit 17 kannte meine Fantasie schon Orte, die noch kein Mensch sah. Sie wusste um Wege, auf die noch niemand seinen Fuß gesetzt hatte. Sie malte meine Träume mit bunten Farben an und ließ sie so lebendig sein, wie das echte Leben. Manchmal sogar lebendiger.
Ich begriff, dass meine Gefühle schneller waren als mein Verstand, erkannte, dass ich sonst emotionslos wäre. Aber wenn mein Verstand sie eingeholt hatte, waren sie irgendwie angekettet. Das wollte ich ändern.
Es war die Zeit, da sagte man noch Nudeln statt Pasta.
Ich machte mir noch Gedanken weshalb eine Stulle immer auf die Butterseite fiel, eine Katze aber auf die Pfoten. Wenn ich nun der Katze das Butterbrot auf den Rücken binden würde und Beides aus dem Fenster werfen.
Geschmeidige Bewegungen, sinnliche Wildheit, hellwache Aufmerksamkeit, unzähmbarer Freiheitsdrang, pfiffiger Charme, unergründliche Weisheit, vollkommene Würde, herrliche Selbstständigkeit, freches Genießen, höchste Selbstachtung...ich versuchte all das von meinem Mitbewohner, dem Kater, zu lernen. Ich schaffte es nicht einmal bis zu Punkt eins.

Anfang der 90er, als ich merkte, ich ritt einen ziemlich lahmen Gaul, entschloss ich mich, umzusatteln, etwas ganz Anderes zu versuchen. Ich wollte endlich mal für mich allein verantwortlich sein, und nicht für vier oder fünf Kollegen aus der Abteilung „Zufriedenheit“, die mir nie wirklich vermitteln konnten, im selben Boot zu sitzen wie ich.

Ich wollte nie das Beste, hatte mir aber vorgenommen, das Beste aus allem zu machen.
Ich bemühte mich um eine Einstellung bei der mobilen Spielbetreuung.
Das in Vergessenheit geratene Zirkus-Projekt weckte mein Interesse. Vor meiner Zeit von Kollegen geschaffen, durch das Ende ihrer ABM in der Versenkung verschwunden. Das roch nach meiner Leib- und Magenspeise, Kreativität.
Meine Nachforschungen über wanderndes Volk, das Zirkusleben, bescherten mir ein nie erlebtes Fieber, gingen doch so unzählig viele Stimulanzen von diesem Stichwort „Circus“ aus.
Anregungen für Erkundungen, Projekte zum Selber- und Mitmachen, zum Erproben brachliegender Talente, zur Förderung von Kreativität, Spontaneität, für Gemeinschaftliches und Individualisierung.
In dieser Zeit, in der ein einziger Knopfdruck zur Berieselung des ganzen Menschen führte,
anstatt die Ganzheit der Person zu fördern, wollte ich mit Kindern Circus spielen.
Circus spielen, das hieß aber auch nachdenken, planen, sich einigen, variieren, sich verausgaben, kommunizieren und Ausdrucksmöglichkeiten hinzugewinnen.

Das Geheimnis schien, die Schule, den Kindergarten, das Freizeitheim, mit dem Lern-Ort Circus zu tauschen, unter der Berücksichtigung, dass mangelnde Perfektion den Respekt vor dem wahren Circus herausfordert.
Und weil Kinder wissen was sie wollen, waren sie dann endlich da, wo ihre Sehnsüchte  schon vor ihnen waren. Der Tag der Aufführung, der Tag des Schminkens und Verkleidens, von nichts anderem wurde mehr geredet, vor dem Essen, während des Essens, und manche bekamen keinen Bissen hinunter. Da half auch kein freundliches Zureden der Erzieher in den Kindergärten, die „Künstler“ waren schon in ihre Rollen geschlüpft. Sie bewegten sich für kurze Zeit in einer anderen Welt.
Hatte ich bis dahin mit Sehern weit geschlossen gelebt, die Kids öffneten sie mir mit ihren großen und ehrlichen (in die) Augenblicken.

Wenn ich sie heute wieder treffe und sie grüßen mich lauthals von einer Straßenseite zur anderen, dann weiß ich, wir haben uns gegenseitig etwas gegeben, das verdammt nach Wahrheit roch. Sie haben noch den Mut, eine Frage zu stellen, auf die sie als Antwort so gern ein „Ja“ hören würden.

 

veröffentlicht im LAUFPASS


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