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Funky Boys vs. Wolfsmond

1974 kommt aus der Zeit des Umtrunks bei „Cracker Jack“ für mich die Gelassenheit des musikalischen Umbruchs. Mein jahrelanger Freund George Meier, wenn auch noch nicht Wegbegleiter, holt mich nach Hittfeld zu den „Rattles“, deren Stern aber nach dem Welthit „The Witch“ irgendwo am Firmament schon längst das Weite gesucht hat.

Ich werde ein Teil der recht hohen Fluktuation dieser Band. Ein wirklich authentisches Mitglied der einstigen berühmten Star Club Formation ist nicht mehr in den eigenen Reihen. Neue Wege sind nicht in Sicht, eher ausgelatschte Trampelpfade in Richtung Cover-Programm. George und ich hausen wochenlang in den Katakomben der Frank Mille Villa in Eddelsen, veredeln preiswerte Dosensuppen mit einheimischem Lauch, reisen nur an den Wochenenden in die alles wieder gutmachenden Arme unserer geliebten Frauen zurück.

Da rauscht, wie aus heiterem Himmel, die Anfrage der RCA (Plattenfirma) aus Amiland bei der Tochtergesellschaft in Hamburg durch den Hörer, ob da vielleicht eine „schwarze“  Sängerin unter Vertrag sei, die eine Nr. 24 der amerikanischen Charts in Deutschland als Schnellschuss covern könne. Mit Linda Fields aus England haben wir derzeit das „farbigste“ Bahai-Mädel in der gesamten Branche der norddeutschen Tiefebene.

Gefragt, getan, und unsere zierliche Frontfrau mit der charismatischen Röhre beschert 1975 der RCA an der Elbe, im Duo mit dem schottischen Lowlander Ian Cussick (1973 Mitbegründer der Hamburger Rockformation „Lake“), 350.000 verkaufte Exemplare innerhalb weniger Monate. Ein sensationeller Smash-Hit wie er im  Lexikon steht. Das „rote“ Telefon im Hause Mille steht nicht mehr still.

Alle wollen Linda buchen. Aber so einfach geht das nicht. Produzent und Gitarrist Frank gibt die englische Perle nur mit der gesamten rattelnden Begleitmannschaft zur Buchung frei, damit weiterhin genug Maggi für alle auf den Teller kommt. Nach dem Mitklatscher „Come on and sing“ und zwei anderen Geräuschen geht es in „Louisiana Lady“ über (obwohl Linda in North Carolina, USA, das Licht des Tages zum ersten Mal erblickte, aber wen juckt´s), und das kleine Powerbündel macht sich gerade, holt alles auf ihre Körpergröße runter. Wir mutieren stante pede zu den „Funky Boys“, und Cussick, der kleine Schotte mit der großen Stimme, ist längst wieder in seiner Heimat, weiß wahrscheinlich noch gar nicht, dass er über Nacht zum Popstar wurde. Keyboarder Lude Lafayette mault, dass ihm nicht einmal die Zeit vergönnt sei, sich schwarz anzustreichen, um annähernd funky auszusehen.

Doch auch in anderen Belangen funktioniert es nicht, und den Veranstaltern der Clubs ist darüber hinaus das Gesamtpaket zu teuer. Bevor aber alles nun den Bach der Erfolglosigkeit runter rauscht, werden Playbacks erstellt, die wir in mühseliger Filigranarbeit einspielen, damit „Shame, shame, shame“ und 42 Minuten andere musikalische Unterhaltungswerte von der Maschine bandeln können.

Lude hingegen verfolgt sein Konzept für „Wolfsmond“, stellt es mit anderen Musikern und George Meier auf Bremer Beine, und ich gehe mit der „Soul Sista“ Fields und chauffierendem Tonmeister Mille auf die Disco Spur. Mein lila Anzug aus dem „Cracker Jack“-Fundus heißester Ausgehzeiten, lässt mich wie ihren Manager, meine Statur wie ihren Bodyguard wirken. Und ganz genau so fühle ich mich auch. Nach dem "Rein - Raus"-Geschleppe und dem Auf- und Abbau der Anlage sehe ich allerdings immer aus wie ein Schwein, verschleudere ein kleines Vermögen an „Edelweiß“, dass mein Outfit nicht irgendwann von allein steht. Für einen Monat und ein paar Stunden mehr bin ich mächtig stolz, neben dieser großen Künstlerin sitzen zu dürfen, wenn sie strahlend ihre Autogramme gibt. In meinem Bauch grummelt aber schon hörbar der Wunsch, es selbst mal wieder zu tun, wie nach dem Verzehr von drei rohen Jungzwiebeln.

 

veröffentlicht im LAUFPASS


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