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Aktuelles

Aus der Retorte

Die Sonne will durch mein Fenster, aber ich lass sie nicht. Ich liege noch im Bett, es ist mittags gegen 13 Uhr und ich gebe seit Wochen keine Audienz.
Mein Geist ist zwar willig, er arbeitet ohne Unterlass an einer dezenten Depression, aber in meinem Körper schwirrt noch das Sedativum von vorgestern Nachmittag durch die Blutbahn. Also liege ich und denke. Was sich gestern als Profikarriere noch so hoffnungsvoll angelassen hatte, alles vor dem Aus?

Wolfsmond hat sich von mir verabschiedet weil ich zu sehr ich bin, die GEMA überweist nur vierteljährlich, einmal davon aber nur für E-Musik (Klassik), mit der ich nichts zu tun habe, und Auslandsabrechnungen, die mich auch nicht betreffen.
Kein Job in Sicht, und ohne Band auch keine Gönnerin, die monatlich meine Miete für die Wohnung in Hagen abdrückt. No money, no honey. Auf dem Dorf ist das nicht anders.
Ich muss mal wieder in die Stadt.

Als sich draußen die Dunkelheit mit der in meinem Zimmer mischt, schaff ich den Weg ins Bad, lass noch den geneigten Schluck Jack Daniels in mir versickern, damit die ellenlange Busfahrt nach Bremerhaven etwas farbiger wird.
Im „Scotch“, meiner früheren Stammkneipe, in der man mich zu Wolfsmond-Tagen feierte, als ich noch auf dem Wellenkamm des Erfolgs ritt und höchst selten einen Drink selber zahlen musste, empfängt mich nur der Chef Dieter Deckers mit einem freundlichen „Hey, Trommel, lange nicht gesehen“, das angenehmer klingt, als hätte ich noch einen Zettel offen.
„Hast du nicht Lust, bei mir im „Clou“ Platten aufzulegen?“
Ich sag ihm nicht, dass ich nach 15 Jahren Discjockey die Schnauze von Retortenmusik gestrichen voll habe, nicht ein Sterbenswörtchen von den Löchern in meinen Socken, umkrampfe meinen letzten Zehner in der rechten Hosentasche, und versuche cool zu wirken.

Die Anderen am Tresen, einst meine „Freunde“, haben nicht mal ein müdes Runzeln ihres platt gesessenen Hinterns für mich. So ist das also! Sie können sich nicht mehr damit brüsten, einen Pop-Helden und Fernseh-Star zu kennen. Ich war ja auch nie einer, aber für Bremerhaven hat es immer gereicht.
Der Job ist easy. Von 20 Uhr bis 2 Uhr morgens, Vinyl, Lenco Clean, Kirschwasser, Sekt, schön getrunkene Mädels. Die, die es ohnehin sind, haben einen festen Begleiter.
Aber ich fühle auch den Hunderter, der mich die nächsten Tage über Wasser halten soll.
Ein Bekannter, von der Sorte „wer den DJ kennt, ist in“, stellt mir stolz seine große, frisch aufgerissene Liebe vor.

Am nächsten Abend kommt sie ohne ihn, und ich hab ne Zweitwohnung.
Nach Feierabend ins „Scotch“ gleich nebenan; denn der Bus nach Hagen geht erst um 7 Uhr vom Hauptbahnhof. Eigentlich geht mein Kanal schon als Überläufer durch, aber mit den Nachtschwärmern an der Theke um Runden zu zocken, reizt mich mehr, als dumpfe Suffgespräche mit Leuten zu führen, die sich aus „Cracker Jack“-Zeiten an mich erinnern.
Am Ende des Tages hab ich grade noch einen zigmal geknüllten Zwanziger in der Tasche, einen hochprozentigen Elefantenkopf, dem der Rüssel zu tief angesetzt wurde, und finde die Telefonnummer des Mädels nicht. Bleibt nur die voll nervige Busfahrt zurück.

Am Hauptbahnhof erwartet mich eine lautstarke Horde Landkreis Schüler, die ausgerechnet denselben Bus nimmt. Raufend, gröhlend, über diverse Sitzreihen hinweg Karten spielend, eine Höllenfahrt. Wie angenehm kommt da der, im gleißenden Sonnenlicht noch zu bewältigende, Restweg, in perfekten Serpentinen gewankt.
Mit letzter Kraft zum Haus geschleppt, erwartet mich die ausgelassen tobende Kinderschar der Meiers, und da die Eltern noch im Traumland ihre Schafe über Hürden springen lassen, bin ich ein willkommener Spielball.
Nach einigen Monaten, ich hab nur gemerkt, dass es inzwischen Winter geworden ist weil Schnee und Eis meine morgendliche Strecke nicht gerade beschleunigen, ist mir klar, ich muss den Landsitz aufzugeben. Mein Chef besorgt mir eine neue Bleibe in der Stadt, und mit ihr kommt das Ende des Tunnels.
Das erste was steht, ist mein Schreibtisch. Ich setz mich hin und schreibe „Für mich ist es Rock n Roll“ und George legt einen knackigen Ohrwurm unter den Text. Es wird die A 1 auf der fünften Wolfsmond, bei Edo Zanki produziert, ich bin wieder dabei, und wir sind wieder wer auf der schnörkeligen Straße zum Ruhm.

 

veröffentlicht im LAUFPASS


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