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"SeeMannsGarn" - braucht kein Boom Chaka Wah Wah

Als Elvis Presley im Oktober 1958 einen Koffer voll Rock n Roll nach Bremerhaven bringt, da wissen viele Eltern noch nicht, welche „Hottentottenmusik“ wohl danach die Republik überschwemmen wird. Deutschland hat einen enormen Nachholbedarf in Sachen Musik, ist doch das Hören ausländischer Sender während des Krieges verboten.

Die 60er gehören dem englischen Beat, Beatles und Stones sorgen weltweit für Furore, und in den 70ern rollen Punk, Hip Hop und Rap aus den USA über das Land.

Die Musik wird lauter, aggressiver, und unüberhörbare Stimmen messen den Texten Gewaltbereitschaft bei. Und immer geht es dabei um die jungen Konsumenten; denn sie sind noch die hungrigsten der Gesellschaft, und sie sind scharf auf das Neue.

Der Rock n Roll verschwindet zwar nicht, aber der Hip Hop kommt und macht deutlich, dass er nicht nur als Musikrichtung seinen Platz beansprucht, sondern auch als Jugendkultur und Lebensgefühl.
Rap, Djing, Breakdance und Graffiti gehören zu dieser Welle, die da aus afroamerikanischen Ghettos zu uns herüberschwappt.

Stehen sie in den Straßen der Ghettos in Amiland zu viert oder fünft noch um eine brennende Mülltonne und improvisieren im Wechsel ihre Verse, so versammeln sich hier die jungen Leute in Jugendzentren um ein Mikrofon, versuchen es den MCs (Masters of Ceremony) nachzutun.

Der Bremerhavener Robert Volkmar ist noch nicht infiziert von diesem Stil und dem dazugehörigen Slang, als er mit 14 Jahren seine erste Radiosendung im Offenen Kanal gestaltet. Er fährt noch die Rockschiene. Beeinflusst von Vater Sam und Bruder Hannes kommt er schon früh mit Musik in Berührung. Aber er hört und fühlt anders als seine Familie. Crossover und eher unbekanntes Material zählen zu seinen Favoriten.

Eher durch einen Zufall kommt erst der Wandel. Er ist stark von dem Mann beeindruckt, der im Anschluss an seine Sendung die „Wildstyle Show“ zusammen mit „Phax“ moderiert, DJ „Stylewarz“. Er schaut ihm genauestens auf die Finger, fängt Feuer und übt zuhause mit wachsender Begeisterung das Scratchen.

Der OK wird zum Treffpunkt seiner Freunde von „SeeTangKlang“, die sich zusammensetzen aus Harry Rink, Sänger, respektive, Rapper bei „Negativ Nein“, der sich „´n Ast“ nennt, dem Elvis-Fan Sven Fahrenbach alias „LWith“ und „Lowbase“. Der Projektname ist auch gültig für den ersten Track, Musik von „DUA“, Texte von den Anderen.
Es sind dann wohl auch eher eingefleischte Insider, die mit dem Verwechseln dieser typischen Namen keine Probleme haben.

Ihre kollektive Gag-Sendung, jeder legt einen Track auf, taufen sie „Radio Astmar“.
Heraus kommt eine explosive Mischung feinster Unterhaltung für genau ihre Generation.
Robert, nun als „DJ Duff“ (Simpson-Fans ist der Biername ein Begriff), scratcht und mischt, und die Kollegen rappen dazu ihre eigenen Texte.

Als „'n Ast“ irgendwann nach Bayern auswandert, droht das Projekt zu platzen.
Die Begeisterung, eigene Nummern zu kreieren, ist aber zu groß. Vor und nach ihrer Sendung schmieden die Jungs immer wieder neue Pläne, diskutieren ihre Textideen, die sie in einem selbst gedrehten Videoclip umsetzen wollen.
Die drei Projektoren „LWith“, „Wize“ und „Duff“ nennen ihr Baby „SeeMannsGarn“, und der aktuelle Titel heißt „Str8 from the Waterkant“.

Alles ist fertig, es fehlt nur das Wichtigste, der Refrain.
Den liefert „Willie Wonder“ (bürgerlicher Name: Willie Kimbrough), Sohn amerikanischer Eltern und ebenfalls Radiomacher beim OK.
Sie können ihn überreden, er probiert, es passt, es ist so einfach.
Nun ist aber etwas gefragt, mit dem keiner des Quartetts so richtig vertraut ist.
Wer soll ihre Message hören, wenn sie nicht passend vermarktet wird.
Wieder kommt ihnen der Zufall zu Hilfe.

Die NOKO schreibt einen Video–Wettbewerb aus unter dem Motto „Deine Heimat“. Es ist zwar alles ein bisschen kurzfristig, die Jungs erfahren sehr spät davon, aber nach vier Stunden drehen und acht Stunden schneiden ist der Film, ihre eigene Vorstellung eines Videos über ihre Heimat, im Kasten. D.J. Duff ist verantwortlich für Aufnahmen, Effekte und Schnitt, „LWith“ und „Wize“ mimen und rappen die Texte.

Der Bremerhavener Beitrag belegt den ersten Platz und streicht die Prämie ein.
Mit dem Geld stocken SMG ihr Equipment (Gerätschaften) auf, damit sie zukünftig selbständiger arbeiten können.
Ein wirklich witziger und intelligent gemachter Streifen, absolut gewaltfrei, der auf weitere köstliche und farbige Unterhaltungsmomente im Seestädter Grauerlei hoffen lässt.

Nun mehren sich auch die Angebote für Live-Auftritte. Durch Anne Schmeckies, die ein großes Herz für Hip Hop hat, kommen sie zur „Stadtbad Jam“, werden weitergereicht in´s „Haus der Jugend“ und das „Alte Kraftwerk“.
Zu dem Zeitpunkt ist WBC (We burn connected – wir brennen gemeinsam) eine angesagte Adresse, und Konzerte in Oldenburg, Aurich und Braunschweig füllen den Terminkalender.

Mitbegründer dieser Bremerhavener Vereinigung, die einzelnen Rappern Auftrittsmöglichkeiten beschaffen will, sie unter einem Dach zusammenführt, ist „Blooz“ (Mark Bortey), heutiger Leiter der Hip Hop Schule „MUMBA“.

„DJ Duff“ sieht sich als Perfektionist, wie er sagt. Er feilt ständig an den eigenen Beats (instrumentale Playbacks), ist mit den Demos nie wirklich zufrieden. Irgendwann soll es ja mal mit ´ner Major Company klappen.

„SeeMannsGarn“ ist noch immer auf dem Vormarsch, und nach wie vor distanzieren sie sich ausdrücklich von Gewaltverherrlichung in ihren vorwiegend deutschen Texten.

Trotzdem, es soll ein Hobby bleiben, niemand hat Ambitionen, es professionell durchzuziehen.


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